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Die Achse Marburg — Schnellroda

Veranstaltung mit Alain de Benoist in Marburger Burschenhaus
Foto: Pixelarchiv
Alain de Benoist (mitte) auf dem Weg zum Burschenhaus.

Am 24. November 2018 veranstaltete die „Marburger Burschenschaft Germania“ ein besonderes Stelldichein: Sie lud den französischen Publizisten und Vordenker der sogenannten Neuen Rechten Alain de Benoist (75) nach Marburg ein. Anhand der Veranstaltung lässt sich erneut festmachen, wie wichtig die Burschenschaften für die völkische Vernetzung in Deutschland sind.

Die Einladung kam überraschend über die sozialen Netzwerke: Alain de Benoist, einer der meistzitierten Publizisten im „neurechten“ Spektrum, kommt zu einer Vortragsveranstaltung nach Marburg. Eigentlich hätte der Event still und abseits der Öffentlichkeit ablaufen sollen. Die Veranstalter hatten darum gebeten, die Einladung nicht im Internet zu verbreiten. Zwei Wochen vor der Veranstaltung geschah dies dennoch.

Benoist trat schon häufiger bei Studentenverbindungen in Deutschland auf. 2003 war er als Festredner bei der Deutschen Gildenschaft eingeladen, 2009 sprach er bei einem Seminar des Rechtsaußenflügels der Deutschen Burschenschaft (DB), der Burschenschaftlichen Gemeinschaft. Er gilt als „Eminenz“ im rechten Lager. Der ehemalige Rechtsterrorist gründete mit seinem Weggefährten Dominique Venner Ende der 1960er Jahre den ersten neofaschistischen Thinktank, das Groupement de Recherche et des Etudes pour la Civilisation Européenne (GRECE), das wegweisend für die Entwicklung der „Neuen Rechten“ in Deutschland war. Das deutsche Pendant, das Kasseler Thule-Seminar von Pierre Krebs ist mittlerweile bedeutungslos. An seine Stelle ist das Institut für Staatspolitik (IfS) getreten.

Benoists Bücher und Texte waren geraume Zeit in Vergessenheit geraten und nur einem kleinen Publikum bekannt. Das hat sich mit der laufenden Rechtsentwicklung stark verändert, und so war es eine Frage der Zeit, wann er wieder in Deutschland auftreten würde. Dass dies nun bei der Germania geschehen ist, wirkte auf den ersten Blick überraschend, ist aber bei näherer Betrachtung nicht verwunderlich. Neben Benoist waren der Marburger Bursche und Verlagsinhaber Philip Stein sowie der Autor Benedikt Kaiser als Redner angekündigt.

Kaiser, der über Benoists 2013 verstorbenen Weggefährten Dominique Venner referierte, veröffentlichte kürzlich mit Benoist und dem italienischen Autor Diego Fusaro in Steins Verlag Jungeuropa den Band „Marx von Rechts“, zu dem Stein persönlich das Vorwort beisteuerte. Die Marburger Veranstaltung kann damit auch als Werbemaßnahme für den Verlag verstanden werden. Vor allem aber ging es Kaiser und Stein darum, ihre Thesen zur von ihnen so bezeichneten „Mosaikrechten“ zu verbreiten, zu einer rechten Bewegung, die zwar zersplittert sei, sich aber angesichts des Zeitgeistes zusammenfinden solle.

„Burschenschaft Germania“ als Netzwerker

Spätestens mit der Übernahme des Vorsitzes der DB im Jahr 2014 stellte sich die Marburger Burschenschaft Germania als Kaderschmiede für die entstehende rechte Sammlungsbewegung auf (vgl. Lotta #60, S. 33-35). Der Dachverband stand damals nach seiner Spaltung vor einer Sinnkrise und musste sich neu ausrichten. Der parlamentarische Erfolg der AfD war für die Burschen mit dem braunen Schmuddelimage eine willkommene Gelegenheit, um dem eigenen Handeln wieder Sinn zu verleihen und sich als Elite für den „Volksaufstand“ von PEGIDA und Co zu imaginieren. Einer der Drahtzieher dieser Entwicklung war Philip Stein, der bis heute als Pressesprecher für den Dachverband auftritt.

Stein baute außerparlamentarisch Strukturen mit auf und unterstützte Götz Kubitschek im IfS. Er wurde Leiter der Spendensammelorganisation Ein Prozent und gründete in Dresden seinen eigenen Verlag, in dem er faschistische Literatur aus mehreren europäischen Ländern verlegt. Derweil halfen seine „Bundesbrüder“ beim Aufbau der AfD-Fraktionen in den Parlamenten. Torben Braga in Thüringen und Robert Offermann in Hamburg sind nur einige Beispiele für Mitarbeiter in AfD-Landtagsfraktionen.

Auch bei der Identitären Bewegung haben sich die Marburger Burschen einen Namen gemacht, sogar so sehr, dass das IB-Führungspersonal nahezu komplett der Germania angehört. Patrick Bass liefert als Rapper den Identitären ihren Soundtrack, Heinrich Mahling ist Regionalleiter der IB Hessen, vertrat die Burschen mit einem Stand beim „Kongress: Verteidiger Europas“ im österreichischen Aistersheim und arbeitete als Praktikant beim IfS. Schnellroda sei für ihn das „rechte Siliconvalley“, fabulierte er nach der „Sommerakademie 2018“ in einem Video auf YouTube.

Die Bünde der DB sind aber nicht nur personell eine Ressource für die völkische Bewegung, sie bieten auch unkündbare Räume für Veranstaltungen, wie unter anderem die Veranstaltung mit Benoist zeigt. Auch die „neurechte“ Messe „Zwischentag“ fand zweimal auf Burschenhäusern statt, nachdem die Mietverträge für die angedachten Hallen gekündigt worden waren, beispielsweise am 6. September 2014 in Bonn (vgl. Lotta #57, S. 26—28) . Über ihr Verbandsblatt Burschenschaftliche Blätter (BBl) wirbt die „Neue Rechte“ für ihre Produkte und Ideen — und bittet um die finanzielle Unterstützung durch „Alte Herren“.

Im elitären und intimen Rahmen

Die Vernetzung in die diversen Spektren der völkischen Bewegung zeigte sich auch an den Teilnehmenden am 24. November in Marburg. Ein großer Teil des Publikums bestand aus Burschenschaftern und Mitgliedern anderer Studentenverbindungen. Kader der Identitären reisten aus ganz Deutschland an, beispielsweise Freya Honold und Aline Catinca Manescu aus Dresden und Volker Zierke aus dem Kreis Plön (Schleswig-Holstein). Der Umgang miteinander wirkte vertraut.

Auch Vertreter neonazistischer Parteien fanden sich ein. Neben der hessischen JN nahm eine Delegation des Der III. Weg teil, darunter deren Bundesvorstandsmitglied Matthias Herrmann (Vgl. Lotta #60, S. 22—24) und der bayrische Aktivist Martin B., die vor Ort Pressevertre-ter_innen anpöbelten.

In den letzten Jahren waren die „Burschen“ der Marburger „Germania“ zwar überregional sehr aktiv beim Aufbau einer völkischen Bewegung, in Marburg selbst sind sie aber eher unbedeutend. Mit der Veranstaltung haben sie die extreme Rechte in die mittelhessische Idylle geholt und damit der städtischen Zivilgesellschaft unmissverständlich in Erinnerung gerufen, mit wem diese es zu tun hat. Mit über 150 Teilnehmenden war wohl das Maximum der Kapazitäten „auf“ dem Haus der „Germanen“ erreicht. Sicherlich hätte man mit Benoist als Referenten und der mit einem Burschenhaus verbundenen Planungssicherheit sowie kostenlosem Eintritt weitaus mehr Leute anziehen können. Die Veranstaltung war — trotz einer 400-köpfigen Gegendemonstration, die mehrheitlich auch von der Stadtverordnetenversammlung unterstützt worden war — ein Happening und eine Selbstvergewisserung für die eigene Szene. Im elitären und intimen Rahmen sollte der innere Zusammenhalt gestärkt und den Teilnehmenden ein Gefühl der Zusammengehörigkeit vermittelt werden.

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