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„Warum sollten Sie auf ein blondes Mädchen hören?“

Die rechte YouTuberin Naomi Seibt
Naomi Seibt im Kreise von Burschenschaftern beim "1000 Kreuze Marsch" 2018 in Münster

Die Leugnung des menschengemachten Klimawandels und extrem rechte Inhalte in harmloser Aufmachung sind die Themen der YouTuberin Naomi Seibt. Die 20-Jährige bespielt ihren Kanal seit Mai 2019 mit Erfolg. Bisher waren verschwörungsideologische Inhalte eher subtil vertreten, das ändert sich seit Kurzem.

Ihr Aufstieg als rechte YouTuberin verlief rasant. Nach kurzer Zeit gingen ihre Follower*innen in die Zehntausende, mittlerweile folgen ihr über 95.000. Damit ist sie deutlich reichweitenstärker als viele andere rechte YouTuber. Den Großteil dieser Menschen verortet sie selbst nicht in Deutschland, weshalb sie hauptsächlich Videos auf Englisch produziert. Ihre Reichweite gewann sie sicher nicht mit der unspektakulären Aufmachung ihrer Videos, die sie an ihrem Kinderzimmerschreibtisch in Münster-Handorf dreht. Vielmehr scheint ihr strategisch unschuldiges Auftreten und ihre Inszenierung als reflektierte, angeblich über wissenschaftliche Expertise verfügende junge Frau ausschlaggebend zu sein. Hierin liegt in gewisser Weise ihr Alleinstellungsmerkmal.

Zudem erfuhr sie von Anfang an Rückenwind von anderen rechten YouTuber*innen wie Brittany Pettibone, aber auch aus dem Umfeld der AfD, für die ihre Mutter, die Rechtsanwältin Karoline Seibt, in der Vergangenheit warb. Schon als 16-Jährige wurde Naomi Seibt von der AfD-Bundestagsabgeordneten Nicole Höchst bei einem Gedichtwettbewerb ausgezeichnet. 2018 erhielt sie einen „Sonderpreis“ des marktradikalen Hayek-Club Münster. Seibt versteht sich selbst als „Libertäre“, also als Verfechterin eines unregulierten Manchester-Kapitalismus.

Inszenierung als „Anti-Greta“

„Warum sollten Sie im Kontext eines so tiefgründigen und wissenschaftlichen Themas auf ein blondes Mädchen am Rednerpult hören?“, fragte Seibt die ihrer Rede über den Klimawandel Zuhörenden beim AfD-Neujahrsempfang im Februar 2020 in Münster. Genau diese Frage — „Warum hört ihr auf ein junges Mädchen?“ — stelle sie auch den Anhänger*innen von Fridays for Future, so Seibt weiter. Aber im Gegensatz zu Greta Thunberg stelle sie selbst nur Fragen, wolle zum selber Denken anregen und wisse, dass sie auch mal falsch liegen könne. Einer Ideologie würden nur die Greta-Fans folgen, sich selbst bezeichnet Seibt als „Klimarealistin“. Auf Twitter schrieb sie kürzlich: „Greta Thunberg doesn‘t know any more than any ran- dom teenage girl who reads the main- stream news“. Was für sie offenbar nicht gilt, schließlich glaubt sie, die Tür zu einer tieferen Wahrheit bereits geöffnet zu haben.

Es ist diese Inszenierung als „Anti-Greta“, die Seibt für Organisationen wie den deutschen Klimawandelleugnungs-Verein „Europäisches Institut für Klima & Energie“ (EIKE), bei dessen Konferenz sie ein Grußwort hielt, attraktiv macht. Das ähnliche Ziele verfolgende US-amerika- nische „Heartland Institute“ sponserte sie zeitweise sogar mit einem monatlichen Honorar von 3.500 Dollar. Das Bild der Greta-Gegenspielerin wird auch in der unverhältnismäßig großen Zahl an Artikeln in nationalen wie internationalen Zeitungen und Magazinen (Washington Post, FAZ, NZZ, Spiegel u.v.m.) reproduziert. Viele Autor*innen tappen dabei in die Falle, fassungslos vor der Frage zu stehen, wie eine so intelligente junge Frau solche fragwürdigen Inhalte vertreten könne.

Ein großes Medienecho erzielt Seibt auch im Ausland: Sie gab Interviews für den US-Präsident Donald Trump nahestehenden Fernsehsender Fox News oder den australischen Fernsehsender Sky News. Rezipiert wird die junge Frau mit abgebrochenem VWL-Studium dort als vermeintliche Wissenschaftlerin. Seibt weiß sich als solche zu inszenieren, spricht in akzentfreiem Englisch, wirkt kontrolliert, rational und gut vorbereitet. Wenn sie in Situationen gerät, auf die sie nicht vorbereitet ist, stolpert sie aber und wirkt unsouverän. In einem Livestream im Nachgang des Spiegel-Artikels sagte sie den Satz: „Nicht von jedem kann man erwarten, erst recht nicht von Journalisten, dass sie wirklich die wissenschaftliche Recherche betreiben.“ Dass sie selbst eine hoch emotionalisierte Debatte statt eines wissenschaftlichen Diskurses führt, verschweigt sie.

Corona-Leugnung und „QAnon“

Seibt äußert sich auch zu anderen Themen als den Klimawandel. So vertritt sie die rassistische Erzählung einer gesteuerten „Massenmigration“, die einen „großen Austausch“ der weißen europäischen Bevölkerung durch kinderreiche muslimische Familien zum Ziel habe. Feminismus hält sie für nicht mehr notwendig und eine Gefahr, da er Abtreibungen „glorifiziere“. Es scheint ihr aber lange klar gewesen zu sein, dass Äußerungen, in denen der menschen- verachtende und rassistische Gehalt ihres Weltbilds offensichtlich wird und sich zeigt, wie verquer ihr Denken ist, ihren Chancen, von einem größeren Publikum als „wissenschaftlich“ wahrgenommen zu werden, nicht zuträglich sind.

Aber seitdem Verschwörungsideologien durch die Corona-Pandemie Hochkonjunktur haben, springt sie auf den Zug auf. Stellte sie zum Anfang der Pandemie noch nicht vollständig in Frage, dass das Virus gefährlich sein könnte, bekundete sie Ende August ihren Stolz über die Teilnahme ihrer Mutter an der Großdemonstration der Corona-Leugner*innen in Berlin. Am 12. September beteiligte sie sich selbst an einer von Corona-Leugner*innen organisierten Kundgebung in Münster. Zuletzt kommentierte sie einen Tweet von Melania Trump zur Covid-19- Erkrankung ihres Ehemannes mit dem Satz: „Why are you playing into the fake narrative? We put a lot of trust in you two“. In einem anderen Tweet macht sie deutlich, dass sie die „unscientific plainminded leftist mainstream“-Beschwichtigungspolitik, für die sie Trumps Umgang mit seiner Erkrankung hält, als Verrat empfindet.

Am 1. August 2020 veröffentlichte Seibt ein Video über die „QAnon-Verschwörung“ mit dem Titel „Save our Children“. In ihrem Eingangsstatement wird deutlich, dass sie sich erneut als „wissenschaftliche“ Beobachterin inszenieren will, die den „most pressing issue of our time“ nur zu kontextualisieren versucht. Doch sie reproduziert die Verschwörungsideologie ungefiltert, ihren Anspruch einer „rationalen Analyse“ erfüllt sie nicht. Im Video bezeichnet sie sich nicht als Anhängerin von „QAnon“, sondern als Beobachterin „on the side“. Dennoch meinte sie in einem anderen Livestream, es sei „probably true“, dass die NGO Planned Parenthood Körperteile von Kindern verkaufe. Nach der Großdemonstration in Berlin twitterte sie einen Hilferuf an Donald Trump mit einem Foto, auf dem Protestierende mit „QAnon“-Transparent zu sehen sind.

Fraglich ist, ob diese neuen Positionierungen ihrem Image förderlich sind. Doch vermutlich haben Verschwörungserzählungen für Seibt stets zu ihrem Denken gehört, sie erlaubt sich aber erst jetzt, dies offen zu zeigen. Bei der AfD ist sie weiter hoch im Kurs: Am 10. Oktober referierte sie auf Einladung der AfD-Bundestagsfraktion bei der „2. Konferenz der Freien Medien“ in Berlin.Die Leugnung des menschengemachten Klimawandels und extrem rechte Inhalte in harmloser Aufmachung sind die Themen der YouTuberin Naomi Seibt. Die 20-Jährige bespielt ihren Kanal seit Mai 2019 mit Erfolg. Bisher waren verschwörungsideologische Inhalte eher subtil vertreten, das ändert sich seit Kurzem.

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