Nebenbei: NPD-Stadtrat mit Ariernachweis

Erkelenz – Darf man Stadtratsmitglied der NPD sein, ohne sofort als antisemitischer Rabauke aufzutreten? Die Antwort: Man kann unter diesem Umständen tatsächlich Ratsmitglied werden – die Frage ist nur, wie lange man es unter dem Label der NPD bleiben kann.

Holger Wilke heißt der Mann, um den es geht. 1,14 Prozent der Wähler in Erkelenz haben am 30. August dafür gesorgt, dass der 41-jährige Textilmeister jetzt fettgedruckt den Titel „Ratsherr“ in seinen Briefkopf schreiben kann. Unter einem solchen Briefkopf richtete er am 12. November eine Anfrage an Bürgermeister Peter Jansen, über die vor einer knappen Woche „Klarmanns Welt“, ausführlich aus Wilkes Schreiben zitierend, berichtete (http://klarmann.blogsport.de/2009/12/17/rechts-npd-einzelkaempfer-fordert-wuerdigeres-gedenken-an-die-juedischen-opfer-der-nazis/). „Bürgermeister Peter Jansen (CDU) musste in der Ratssitzung am 15. Dezember dem NPD-Kader auf indirekt geäußerte Vorwürfe antworten, dass das Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht in Erkelenz nicht optimal geschehe und der jüdische Friedhof schlecht gepflegt sei“, hieß es bei „Klarmanns Welt“.

Die Wogen schlugen in der Neonaziszene daraufhin hoch. Wahlweise wurde die Darstellung von „Klarmanns Welt“ angezweifelt oder der NPD-Stadtvertreter als „Judenfreund“ und Mitglied einer „Israel-Connection“ innerhalb der extremen Rechten geortet, der vergessen hat, dass Antisemitismus zum Grundbestand seiner Partei gehört.

Aufs Höchste alarmiert war angesichts solcher Diskussionen in den Internetforen auch der NPD-Landesvorstand. Dessen Vorsitzender Claus Cremer ist immerhin wegen einer antisemitischen Volksverhetzung vorbestraft. Und weil er dieses Urteil eher als eine Ehrung empfindet, kann sich der Landesverband keinerlei als philosemitisch erscheinenden Abweichungen erlauben.

„Die Redaktion von npd-nrw.de“ – wer dies genau ist, wurde nicht verraten – nahm Wilke am 21. Dezember also ins Verhör, das freilich auf der Homepage des Landesverbandes euphemistisch als „Gespräch“ bezeichnet wird. Schon der Tonfall, mit dem die nur drei Fragen an Wilke gerichtet werden, lässt ahnen, dass der Verhörleiter bzw. Interviewer mit seinem Tatverdächtigen bzw. Gesprächspartner höchst unzufrieden ist: „Stimmt das?“, „Stimmt es denn...?“, „Was haben unsere Leser und wir davon zu halten?“, prasseln die Fragen auf den Delinquenten ein.

Der verteidigt sich, sagt Dinge, von denen er vermuten kann, dass sie seinem Gegenüber und den „Kameraden“ in der NPD gefallen könnten. Vor allem und zuerst will er „festhalten, daß ich keinerlei jüdische Vorfahren habe, sondern das meine deutschen Wurzeln bis in das 16. Jahrhundert zurückzuverfolgen sind“. Aber der „Ariernachweis“ reicht ihm noch nicht: „Mein Großvater Wilhelm Wilke war einer der 10 Reichwirtschaftsleiter (Reichswirtschaftsleiter für Textil / bis 1945) und ging in der damaligen Reichskanzlei ein und aus und kannte den damaligen Reichskanzler daher gut.“

Der Opa also ein Bekannter des Führers: Da kann ja nichts mehr schiefgehen? Aber auch das entbindet ihn nicht von der Pflicht, auf die konkreten Vorhaltungen zu antworten. „Ich war auf allen Gedenkfeiern der Stadt als Ratsmitglied anwesend, vor allem bei zwei Veranstaltungen bzw. Kranzniederlegungen zum Volkstrauertag zu Ehren der Gefallenen des 1. und 2. Weltkrieges und der vielen Opfer nach dem 2. Weltkrieg“, sagt Wilke, ohne zu erklären, ob die Formulierung „vor allem“ bedeutet, dass er bei den einen Veranstaltungen „anwesender“ war als bei anderen. Doch, halt -  einen Unterschied gibt es zwischen dem Volkstrauertag und der Veranstaltung zum Jahrestag der Reichspogromnacht, bei der er irgendwie ja auch anwesend war: „Bei der ,Gedenkfeier’ auf dem jüdischen Friedhof stand ich außerhalb des Friedhofs an einer Treppe.“ Jüdische Friedhöfe betritt man als NPDler wohl besser nicht, ahnt Wilke. Und er beteuert dem ungenannten Parteioberen: Er sei an jenem Tag auch „nicht aktiv beteiligt“ gewesen – wiederum ohne zu sagen, inwiefern er denn im Unterschied dazu am Volkstrauertag „aktiv beteiligt“ gewesen war.

In diesem Stil setzt sich Wilkes Einvernahme bis zum Ende fort. Detail um Detail des Berichts von „Klarmanns Welt“ versucht er, reichlich gedankenakrobatisch, umzuinterpretieren, auf dass der vernehmende NPD-Funktionär schließlich doch Gefallen an seiner Version finden könnte.

Doch der ungenannte NPD-Verhörspezialist zweifelt offenbar auch am Ende weiter an seinen „Unschuldsbeteuerungen“. Im Anschluss an das Protokoll heißt es distanzierend: „Das Gespräch mit Holger Wilke wurde am 21.12.2009 geführt. Da der NPD-NRW bisher keine Niederschrift der Sitzung bzw. der Anfrage vorliegt, sind die Aussagen des Kamerden Wilke für uns bindend.“

Dessen Anfrage an den Bürgermeister freilich ist inzwischen dank „Klarmanns Welt“ im Original nachzulesen (http://img97.imageshack.us/i/anfragehw1.jpg/ und http://img109.imageshack.us/i/anfragehw2.jpg/). Sie ist, im Gesamtzusammenhang gesehen, eindeutig und dementiert Wilkes nachgeschobene Erklärungsversuche gegenüber der Landes-NPD.

Die antisemitisch geprägte Vorstandsriege rund um Cremer hat nun ein Problem, weil einer ihrer Provinzstadträte zu sehr aus der Reihe getanzt ist. Wetten auf die Fragen, wie lange Wilke noch Stadtrat ist oder wie lange er noch NPD-Mitglied ist, werden gerne angenommen. (rr)

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