NE: "Schwarze Fahne" elektronisch neu aufgelegt

Grevenbroich – Neonazis rund um Christian Malcoci (46) versuchen sich offenbar noch einmal als Herausgeber einer „Zeitschrift“ mit hohen Ansprüchen. Das Ergebnis ist aber dürftig.

Das als „nationale und sozialistische elektronische Zeitschrift“ im Internet veröffentlichte pdf-Dokument will an eine lange Tradition anknüpfen. „Schwarze Fahne“ nennt es sich im Titel. Und im Untertitel folgen zwei ausdrücklich Kontinuität suggerierenden Hinweise. „Seit 1988“, heißt es dort zum einen, „Nr. 4 – Januar 2010“ zum anderen.

Tatsächlich erschienen zwischen Juni 1988 und November 1988 drei Ausgaben des Blättchens „Schwarze Fahne“, das sich vorwiegend an Neonazis in NRW richtete, die nicht bei der NPD Unterschlupf gefunden hatten. „Autognome“, die einen riesigen Polizisten attackieren und ins Wanken bringen, zeigte die Titelseite der ersten Ausgabe, ein Foto von einem Neonazi-Aufmarsch zum 17. Juni 1988 das Cover der zweiten Ausgabe (Juli-August 1988). Schließlich folgte die brennende Synagoge von Baden-Baden auf dem Titel der dritten und letzten Ausgabe, die „passend“ zum 50. Jahrestag der Pogromnacht vom November 1938 laut Titelzeile im November 1988 erschien.

Etwas mehr als 21 Jahre später ist auf der ersten Seite erneut ein Foto von einem Neonazi-Aufmarsch zu sehen – diesmal nicht in schwacher Schwarz-Weiß-Qualität. Entstanden ist es bei einer Demonstration in den Niederlanden. Dorthin hat Malcoci in den letzten Jahren seinen (politischen) Arbeitsschwerpunkt verlagert, unter anderem als Parteisekretär der neonazistischen Nederlandse Volksunie (NVU). Jenes gestochen scharfe Vierfarbfoto findet nicht überall Gefallen: „Was für eine Schweinerei! [...] Da seh ich mich auch selbst hochauflösend auf dem Titelblatt ohne jede Zensur! Was für eine Scheisse!“, ist ein auf Anonymität bedachter Kommentator bei „Altermedia“ entsetzt.

Den bzw. die Blattmacher geben sich ungeachtet dieses Fauxpas von ihrer Mission überzeugt. „Eine neue politische Qualität“ verspricht sich der Autor „Nosferatu“ – ein Pseudonym, das in der Vergangenheit Malcoci verwendete – großspurig durch die (Neu-)Herausgabe der „Schwarzen Fahne“. Ein „altes Schlachtroß radikaler Politik“ werde damit „wieder in den Kampf geworfen“ und künftig „in unregelmäßigen Zeitabständen als elektronische pdf-Datei“ erscheinen. „Dringend notwendig“ sei es, „auch auf theoretischer und grundsatzpolitischer Ebene ein hohes Niveau zu erreichen, um unsere Bewegung besser weiterbringen zu können“.

Von „Theorie“ und „Grundsatzpolitik“ und „hohem Niveau“ ist freilich auf den folgenden gerade einmal knapp viereinhalb pdf-Seiten wenig zu spüren. Malcoci macht unter der Überschrift „22 Jahre freie Autonome Nationale Sozialisten Die Strömung ist älter als gedacht“ Christian Worch und Thomas Wulff die Urheberschaft am Konzept der Neonazi-„Kameradschaften“ bzw. der „freien Nationalisten“ streitig: „Mit der Verbreitung der ersten Ausgabe der ,Schwarzen Fahne’ im Juni 1988 fiel der Startschuß zur systematischen Ausbreitung der Autonomen Nationalen Sozialisten.“ Sogar „National befreite Zonen“ wurden demnach eingerichtet, lange bevor das Konzept dafür entstand: In den von Wittener Neonazis „dominierten Stadtteilen fanden nächtliche Kontrollen statt, so daß schon damals für linke Gewalttäter sogenannte ,No-go-Areas’ entstanden.“ Bei den heutigen „Autonomen Nationalisten“ handele es sich schließlich „keineswegs um eine neumodische vergängliche Erscheinung, sondern um eine traditionsreiche Strömung“, resümiert Malcoci im Rückblick. „Theoretisch“ und „grundsatzpolitisch“ ähnlich dürftig sind zwei Kurztexte zu einem sieben Monate alten Antrag der FDP, die HNG zu verbieten, und zu „Perspektiven für den freien Widerstand“, die nicht einen einzigen neuen Gedanken enthalten.

Bleibt noch ein weiterer unter dem Malcoci-Pseudonym „Nosferatu“ erschienener Text, der dem „neurechten“ Vordenker Alain de Benoist vorhält, den wahren Charakter des Nationalsozialismus nicht erkennen zu können. Wenn Benoist suggeriere, beim NS habe es sich um eine „neo-feudale Polykratie“ gehandelt, sei dies „eine vollkommen falsche Behauptung“. „Nosferatu“: „Dies würde bedeuten, daß der nationalsozialistische Staat von vielen Herrschern gemeinschaftlich regiert worden wäre. Da fragen wir uns, warum uns allen die anderen Herrscher verborgen geblieben sind. Es ist auch nie der Eindruck entstanden, daß es mehrere Führer des Reiches gegeben hätte.“

Damit wäre auch erklärt, was es bedeutet, wenn „auf theoretischer und grundsatzpolitischer Ebene ein hohes Niveau“ verlangt wird: Das Bekenntnis zu „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ genügt. (ts)