K/EN: Die „Nutte der Polizei“ und die „haarlosen Gossengestalten“

Köln/Schwelm – Die Schlammschlacht zwischen „parteifreien“ Neonazis aus dem Rheinland und Teilen der NPD in NRW geht ungebremst weiter. Aber auch innerhalb der NPD tun sich Gräben auf.

Der Unnaer NPD-Kreisvorsitzende Hans-Jochen Voß ist einer, der immer wieder das Bündnis und die Nähe zu „parteifreien“ Neonazis sucht. „Über alle Unterschiede hinweg eint uns ein gemeinsames Ziel. Das Ziel ist das Reich“, schrieb er einst. Angesichts der Diskussionen, die seit zwei Tagen in der Szene über den Schwelmer NPD-Funktionär Thorsten Crämer geführt werden, wird ihm aber ganz anders: „Es wird einem übel, wenn man sieht wer sich im nationalen Milieu so tummelt. Zum ,kotzen’.“ Andere sehen das entspannter. Sie empfehlen gar, vor dem Lesen der Kommentarspalten in den einschlägigen Neonazi-Foren Chips bereitzustellen: „Ganz großes Kino hier!“ Fast sogar schon Action-Kino: Zumindest wird wechselseitig schon einmal angekündigt, dass man die Auseinandersetzung gegebenenfalls auch körperlich austragen könnte.

Gestartet worden war die Kontroverse auf einer Internetseite Kölner Neonazis. Dort erschienen am Montag zwei Texte, in denen Crämer vorgeworfen wurde, in einem Ermittlungsverfahren vor zehn Jahren nach einem Überfall von Neonazis auf eine Gedenkveranstaltung am KZ-Mahnmal Kemna allzu auskunftsfreudig gewesen zu sein.* Parallel dazu und als angeblicher Beweis wurden sieben Seiten aus den damaligen Prozessakten zum Download bereitgestellt. Leute aus Crämers Umfeld konterten die Attacke inzwischen, indem sie ihrerseits unter anderem eine Aktennotiz des polizeilichen Staatsschutzes aus dem damaligen Verfahren veröffentlichten, um das Mitglied des NPD-Landesvorstands zu entlasten.

Klarheit in der Sache haben die Veröffentlichungen nicht gebracht. Die Gegner Crämers beharren auf ihrem Standpunkt. Man dürfe nicht vergessen, „dass wegen deiner Aussagen auch gute Kameraden zu Bewährungsstrafen verurteilt wurden und/oder für 2 Wochen in U-Haft verschwanden und so ihren Job verloren!“, wirft ihm einer seiner Kritiker auf der Neonazi-Seite „Altermedia“ vor: „Du als NPD-Funktionär warst in der Pflicht zu schweigen, zumindest bis zum Prozess und kompletter Einsicht der Akten!“ Und ein anderer droht damit, weitere Akten zu veröffentlichen, „insofern du dich weiterhin windest, du ekelhafter Wurm!“ Ein dritter meint, aufgrund der Aussage Crämers habe ein „Kamerad“ sogar unschuldig in U-Haft gesessen: „DU wolltest deinen Arsch durch Aussagen retten! DU warst mit deinem Verhalten und deinen Aussagen die Nutte der Polizei.“

Crämer bleibt hingegen dabei, sich damals richtig verhalten zu haben: „Fakt ist: Alle in der haftrichterlichen Aussage benannten Personen waren zu diesem Zeitpunkt schon bekannt, die nicht namentlich aufgeführten waren den Behörden ebenfalls aufgrund von Sachhinweisen plus Lichtbildvorlagen an andere Tatbeteiligte bekannt.“ Es sei „eine plumpe Lüge, zu behaupten, aufgrund dieser haftrichterlichen Aussage wäre jemand inhaftiert oder verurteilt worden“. Er sei vielmehr nach Kräften bemüht gewesen, „die Partei und die Sache zu schützen“ und habe so „auch die Ehre von Leuten verteidigt, die sich in ihrem kurzsichtigen Unverstand einbilden, ihnen sei geschadet worden“.

So ganz nebenbei bringt die Diskussion auch ein wenig Licht in den NPD-internen Konflikt im Vorfeld der Wuppertaler Neonazi-Demonstration vom vorigen Wochenende. Wie berichtet, hatte der dem bekennend neonationalsozialistisch orientierten Flügel der Partei zugerechnete Kreisverband Düsseldorf/Mettmann die Demonstration unterstützt, während Crämer das Vorhaben deutlich kritisiert hatte.** Ein NPDler aus Wuppertal beklagt sich nun auf der Internetseite „Altermedia“, dass in der aktuellen Diskussion über Crämer „aus dem Zusammenhang gerissene Inhalte eines internen(!) Gespräches in der Parteizentrale der NPD-NRW, das in SEHR kleinem Kreis stattfand und zu einem am Samstag in Wuppertal von beiden Seiten eingehaltenen Kompromiß führte, hier (offenbar wörtlich) wiedergegeben werden“.

Ergebnis dieses Gesprächs war offenbar, dass der NPD-Kreisverband Ennepe-Ruhr/Wuppertal, bei dem Crämer Regie führt, auf eine öffentliche Distanzierung von der Demonstration verzichtete. Im Gegenzug, so schreibt jener Wuppertaler NPDler, habe sich der NPD-Kreisverband Düsseldorf/Mettmann ebenfalls „an die Absprache gehalten und auf unserem Gebiet keine NPD-Fahnen im Zusammenhang mit einer NS-Demo gezeigt. Somit wurde auch unsere Forderung erfüllt“.

Besänftigen kann ihn diese Feststellung aber offenbar nicht. An den Kölner Neonazi Paul Breuer und „die anderen zahn- und haarlosen Gossengestalten, die in den letzten beiden Tagen die Fotostrecken der Wuppertaler Presse beherrschen“, richtete er die Warnung: „Wenn Ihr widerlichen Kölner VS-Ratten nochmal durch unsere Stadt lauft, bekommt ihr nicht nur von den Linken was auf die Ohren, FEST versprochen!“ (ts)

* /nrwrex/2011/01/ken-vernehmungsprotokolle-als-geburtstagspr-sent

** /nrwrex/2011/01/w-rechter-zwist-wegen-wuppertaler-neonazi-demo

und

/nrwrex/2011/01/wkr-nrw-npd-weiter-uneinig-wegen-wuppertaler-neonazi-demo