HAM: Neonazis aus dem Westen unterstützen NPD-Wahlkampf in Sachsen-Anhalt

Hamm – Wenn Neonazis eine Reise tun, dann können sie was erzählen. Zum Beispiel jene Neonazis aus Hamm und Umgebung, die Ende Februar/Anfang März neun Tage lang die sachsen-anhaltinische NPD im Landtagswahlkampf unterstützten.

Vor allem im Salzlandkreis war der Trupp, bestehend aus „parteifreien“ Neonazis sowie NPDlern des Kreisverbands Unna/Hamm – unterwegs. Plakate kleistern und aufhängen, Wahlkampfzeitungen austragen, die Staffage für NPD-Kundgebungen bilden: Etwas mehr als eine Woche hatten sie genug zu tun, wie aus einem Bericht der neonazistischen „Kameradschaft Hamm“ hervorgeht.

Bereits am ersten Tag wähnten sie sich in einem Paradies für Neonazis: Die „mitteldeutschen Volksgenossen“ würden halt „der nationalen Sache viel aufgeschlossener gegenüberstehen, als dies im Westen der Fall ist“, staunten sie. Manche Leute, denen sie auf ihren Verteiltouren begegneten, seien sogar „gerne zu einem Schwätzchen mit den Wahlkampf-Helfern bereit“ gewesen: „Niemand pöbelt uns an oder schaut auch nur böse.“ Die NPD werde dort „auch von Bürgern, die unsere Ansichten nicht teilen, als politische Alternative akzeptiert“.

Ganz problemfrei funktionierte der Kontakt von Neonazis aus West und Ost freilich nicht. Dass die NPD in Sachsen-Anhalt zum Beispiel Plakate mit einem Bild von Thilo Sarrazin und dem Slogan „NPD – Die Sarrazin-Partei“ aufhängen wollte, konnte die braune Wessi-Truppe gar nicht nachvollziehen: „Was hat die NPD mit einem Ex-Finanzsenator und Ex-Bundesbanker wie Sarrazin zu schaffen?“ Der wolle schließlich „Ausländer in die deutsche Gesellschaft ,integrieren’“. Doch zum Streit über diese Frage kam es letztlich nicht. „Zum Glück“, so die Hammer Neonazis, habe ein Gericht entschieden, dass die NPD Sarrazins Konterfei nicht verwenden durfte: „Auf die Auseinandersetzung mit den örtlichen Partei-Funktionären, ob wir diese Plakate kleistern oder nicht, konnte aufgrund des Gerichts-Beschlusses schließlich verzichtet werden.“

Für Freizeitaktivitäten blieb wegen der vielen Wahlkampfeinsätze dem Bericht der „Kameradschaft Hamm“ zufolge nicht viel Luft. Besonders beeindruckend fanden die West-Neonazis aber die Besichtigung von Schloss Bernburg, wo einige mittelalterliche Folter- und Hinrichtungs-Werkzeuge ausgestellt sind: „Dies regt natürlich unsere Phantasie an, wie man die Volksverräter nach einer nationalen Wende in Deutschland angemessen zur Verantwortung ziehen könnte.“

Was die NPD in Sachsen-Anhalt aus ihrer Sicht von der in Nordrhein-Westfalen unterscheidet, machten die Neonazis am Ende ihrer Reise klar: Den „Kameraden“ in „Mitteldeutschland“ sei es gelungen, „in den Dörfern und auch in den Städten Sachsen-Anhalts mit ihren Positionen und politischen Forderungen in die Mitte des Volkes vorzudringen“. Außerdem sei es in einem Bundesland mit gerade einmal 2,3 Millionen Einwohnern besser möglich, flächendeckende Wahlkämpfe durchzuführen.

Einen Seitenhieb auf die NPD in Nordrhein-Westfalen, die im vorigen Sommer die in der Neonazi-Szene heftig umstrittenen Funktionäre Thorsten Crämer und Melanie Händelkes in ihren Vorstand wählte, kann sich die Reisegruppe nicht verkneifen: „Des weiteren muß sich der sachsen-anhaltinische NPD-Landesvorstand nicht ständig mit eigenen personellen Sorgenkindern beschäftigen, weil dort keine ehemaligen VS-Spitzel und keine Kameraden-Verräter in den Vorstand hineingewählt werden.“* (ts)

* /nrwrex/2010/09/nrw-npd-landesvorstand-nun-auch-mit-spitzel-problem