RE: Der „pro NRW“-Kreisvorsitzende und der „NS-Narrensaum“

Recklinghausen/Marl – Werner Peters, das war schon bekannt, ist bei der extrem rechten „Bürgerbewegung pro NRW“ auf dem radikaleren Flügel beheimatet.* Stimmen die Angaben der Neonazis vom „Nationalen Widerstand Marl“, gibt es aber sogar Verstrickungen des „pro NRW“-Kreisvorsitzenden in Recklinghausen mit der braunen Szene in der Region. Geld sei geflossen, gemeinsam war man demnach auf Belgien-Tour, Peters habe Texte für die Internetseite der „Nationalen Widerständler“ geliefert, behaupten die Neonazis, die inzwischen sauer auf Peters sind.

Ihren Zorn hat sich Peters zugezogen, weil er sich schroff von der Gründung einer „Bürgerinitiative“ gegen den Bau einer Moschee in Herten abgesetzt hatte, an der sie beteiligt waren.** Unter den 17 bei der BI-Gründung Anwesenden sei „eine starke siebenköpfige Gruppe jugendlicher Nicht-Hertener“ gewesen, „welchen auf Grund ihrer Aussagen ein sehr nationaler Charakter (NW) zugesprochen werden kann“, hatte der „pro NRW“-Kreisverband Recklinghausen unter anderem berichtet. Einfacher ausgedrückt: sieben Neonazis. Damit nicht genug: Ein paar Tage später erklärte Peters die „Bürgerinitiative“ gar für unbrauchbar, da sie „braun lackiert“ sei.***

„Äußerst fragwürdig“ und „denunzierend“ seien die Mitteilungen von „pro NRW“, klagt nun der NW Marl. „Denunzierend“, weil Peters „gegen ,,neo-nationalsozialistische’ Gehilfen wettert“, während „die Presse uns zuvor als solche nicht wahrgenommen hatte“. „Äußerst fragwürdig“ offenbar auch wegen des früher guten Verhältnisses zueinander: „So haben wir in der Vergangenheit des öfteren Kontakte zu PRO NRW gepflegt, schon aus rein freundschaftlichen Ambitionen, da man sich aus der Vergangenheit noch aus anderen Strukturen kennt, und eigentlich schätzt“, betont der NW Marl, der doch eigentlich zum von „pro NRW“ verbal und parteioffiziell abgelehnten „NS-Narrensaum“ zu rechnen ist.

Bunte Reisegesellschaft

Die enttäuschten Neonazis plaudern jetzt ein wenig aus der Vergangenheit und über ihre früheren Kontakte zu Peters. Beispielsweise über jene bunte Reisegesellschaft, die sich Anfang April auf den Weg nach Antwerpen machte.**** Ziel war Antwerpen, wo die flämische Partnerpartei von „pro NRW“, der „Vlaams Belang“, zu einem Kongress geladen hatte. Der stellvertretende „pro NRW“-Vorsitzende Kevin Gareth Hauer saß im Bus, Kreischef Peters, auch einige Parteifreunde aus Ostwestfalen. Und eben auch zwei Neonazis. „Werner Peters und Konsorten“ sei sicherlich klar gewesen, „wen sie dort eingeladen hatten“ – schließlich habe man sich seit fast zwei Jahren gekannt, schreiben die Neonazis in ihrer Abrechnung mit der selbst ernannten „Bürgerbewegung“. Ja, räumt Peters auf Nachfrage ein, ihm war bewusst, wen er da mit im Bus hatte. Aber mit „pro NRW“ hätten die beiden nichts zu tun: „Die hatten eine ganz andere Intention für die Fahrt“, verteidigt er sich.

Geld für die Kameradschaftskasse?

Tatsächlich hatten es die Reiseteilnehmer ohne Parteibuch im Veranstaltungssaal in Antwerpen nicht lange ausgehalten, wie sie seinerzeit berichteten. Zu voll war es im Saal, und die Sprachbarriere tat ihr Übriges. Stattdessen zog es sie vor die Halle. Dort verteilte die belgische Neonazitruppe „Nieuw-Solidaristisch Alternatief“ (N-SA) Flugblätter – eine Gruppe, die „weitaus weltanschaulicher agiert als der bürgerliche Vlaams Belang“, wie die „Widerständler“ meinen. Aber auch bei „pro NRW“ sahen die Neonazis, für die die Fahrt den „netten Nebeneffekt“ hatte, dass man „die Basis jener Partei näher kennen lernen konnte“, Anknüpfungspunkte. „Aufgrund der Heterogenität der Basis“ eröffne sich die Möglichkeit, eigene Inhalte in der Partei zu platzieren. Immerhin: Finanziert haben will Peters den Antwerpen-Ausflug der beiden Teilnehmer vom NW Marl nicht. Sie hätten sich an den Fahrtkosten beteiligt, betont er im Gespräch.

Folgt man den Neonazis ist zuvor aber Geld in deren Kasse geflossen. Das betrifft zum einen die Aktivitäten für „pro NRW“ vor der Landtagswahl im Mai 2010. Dabei soll es um 2.500 Euro für das Aufhängen von rund 2.000 Plakaten gegangen sein.***** Der Darstellung des NW Marl zufolge war dies noch nicht alles. Peters habe die „parteiunabhängige, nationalsozialistische Arbeit“ gut gefunden: „Dies unterstrich er nochmals mit mehreren Geldspenden, bspw. im Herbst 2010 mit weiteren 500 Euro.“ Der „pro NRW“-Kreisvorsitzende bestreitet solche Zahlungen. „So viel Geld habe ich auch nicht, dass ich es zum Fenster rausschmeißen kann“, erklärte er, befragt nach der Bezahlung von Wahlkampfhelfern.

Nur „Privatkontakte“

Um „Privatkontakte“ habe es sich gehandelt, sagt er. „Ich habe versucht, die Leute aus ihren verbohrten Ideologien rauszulösen.“ In wie vielen Fällen dies gelungen sei – diese Frage mag er nicht beantworten. Ob zu einer solchen „Ausstiegshilfe“ auch gehört, Texte für eine Internetseite des NW Marl bereitzustellen? Am 20. Oktober 2009 veröffentlichten die Neonazis auf einer Sonderseite für eine Demonstration, die dann Ende November stattfand******, einen Beitrag von Autor „Albert Peters“ über „Die Weltwirtschaft und die Finanzkrise“. Im Original trägt er die Überschrift „Kennzahlen des Raubtierkapitalismus“. Werner Peters räumt ein, dass der Artikel aus seiner Feder stammt. Als er veröffentlicht wurde, war Peters bereits seit etwas mehr als zwei Monaten Mitglied bei „pro NRW“.

Kameradschaftliche Grüße

Die Frage, ob er dem NW Marl weitere Beiträge zur Veröffentlichung geliefert hat, ließ der „pro NRW“-Kreischef unbeantwortet. Das nämlich behaupten die Neonazis. Peters habe ihnen im Vorfeld jener Demonstration mehrmals seine Mithilfe angeboten und ihnen „zahlreiche ,Schriftstücke’“ zugeschickt, „die er selbst verfasste und die wir nutzen konnten“. Bei der bloßen Behauptung belassen sie es nicht. Statt dessen veröffentlichten sie am Montag außer dem Artikel über den „Raubtierkapitalismus“ acht weitere Beiträge, die Peters geschrieben haben soll. Acht Texte sind mit „Albert Peters“ gekennzeichnet. Im neunten wird auf eine Autorenangabe verzichtet; er endet aber mit der Formulierung „Mit kameradschaftlichen Grüßen WP“. Einige Kostproben:

Im Beitrag „Welchen Weg soll der NW gehen?“, vom 30. August 2009 datierend, schreibt Autor „WP“:

„Die Demokratie und der Kapitalismus sind in Deutschland seit 1949 zur höchsten Form der Kriminalität entartet.“

Gegen Ende des Textes heißt es:

„Andererseits gilt die Erkenntnis einer Person der Zeitgeschichte:

,Die Macht, die die großen historischen Lawinen religiöser und politischer Art ins Rollen brachte, war seit ewig nur die Zauberkraft des gesprochenen Wortes.’“

Bei dieser „Person der Zeitgeschichte“ handelt es sich um Adolf Hitler. Der zitierte Satz findet sich in „Mein Kampf“. Beides verrät Autor „WP“ nicht. Statt dessen fährt er fort:

„Leider treten Trommler, Agitatoren dieses Kalibers nur alle 100 Jahre in Erscheinung.“

„Die neuen Krieger“

In dem Beitrag „Vater aller Dinge (Krieg und Pazifismus)“ vom 7. Oktober 2009 schreibt „Albert Peters“:

„Nur der Nationalsozialismus verstand es, das deutsche Volk zu einen und ihm eine Lebensperspektive zu vermitteln, der alle nationalen Kräfte bündelte und zu dem denkwürdigen Tag der Machtübernahme von 1933 führte.“

Und über die Zeit nach dem NS:

„Völkische, ethische, politisch-soziale und religiöse Überzeugungen gingen mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges verloren, aus denen alle Elemente unserer bis dato entstandenen Zivilisation entsprangen.“

In jenem Beitrag findet sich auch ein Gedicht von „A.P.“. Es endet so:

„Deutschland wir leben, wieder und wieder,

Garant, die Jugend, die neuen Krieger“

Um „Verlorene Selbstachtung“ geht es „Albert Peters“ in einem Text, der vom 18. September 2009 datiert. Der Autor schreibt:

„Es ist noch zu hoffen, dass noch genügend urvölkische Substanz vorhanden ist, die einen Neuaufbau des deutschen Volkes ermöglicht.“

Und weiter:

„Ebenso ein Resultat des Zweiten Weltkriegs ist die gesinnungsethisch verordnete Fremdenliebe der Deutschen, die den aus Jahrhunderten in der DNA gespeicherten Erfahrungen der Menschheit diametral entgegensteht. Nach dieser Erfahrung wurde der Fremde zuallererst als Feind betrachtet, dem man mit dem Speer entgegentrat um seine Absicht zu erkunden.“

„NS-Ideologie entrümpeln“

„Der Sozialismus“ ist ein Artikel von „Albert Peters“ überschrieben, der das Datum 13.9.2008 trägt und in dem er sich der NS-Terminologie der „Volksgemeinschaft“ bedient:

„Bindekräfte, die eine Volksgemeinschaft und damit Volkssolidarität kennzeichnen sind in der Auflösung begriffen und erleichtern so die kapitalistische Herrschaft.“

Im weiteren Text setzt er sich etwas vom NS ab:

„Teilbereiche des NS-Staates, Teile seiner Ideologie sind aus Sicht der Menschlichkeit, aus der Sicht und der Erfahrung der europäischen Völker sowie nicht zuletzt aus dem Ergebnis des letzten Weltkriegs unbedingt abzulehnen. Der Völkermord an den Juden war und ist ein Verbrechen, das sich in dieser neuzeitlichen Einzigartigkeit, egal an welchem Volk, hoffentlich niemals wiederholt und für den es keine Rechtfertigung geben darf. In der Menschheitsgeschichte hat es allerdings Genecoide an Völkern immer gegeben, daran muß erinnert werden dürfen.“

Zugleich stellt er fest:

„Setzt man sich ernsthaft mit dem nationalen Sozialismus auseinander, bleiben genug politische Ansätze, die es wert sind neu gedacht zu werde, wenn man die NS-Ideologie vom Rassenwahn, vom nationalen Überheblichkeitsdünkel entrümpelt.“

Auch auf Unterschiede zwischen „Weltkommunismus“ und Nationalsozialismus geht „Albert Peters“ in dem Beitrag, in dem er ansonsten ausufernd Hitler zitiert und verständnisreich dessen angebliche Motive erläutert, ein:

„Während der Weltkommunismus nach mehr als 70 Jahren seit seiner Errichtung in Rußland (Oktoberrevolution 1917) an sich selbst zugrunde ging, bedurfte es einer Weltallianz kapitalistischer Großmächte und Völker, um das nationalsozialistische Deutschland niederzukämpfen. Frei nach dem Motto, viele Hunde sind des Hasens Tod.“

Auf die zweimal per Mail gestellte Frage, ob er auch diese Beiträge verfasst hat, hat Werner Peters bisher mit einem tiefen Schweigen beantwortet. (rr/ts)

* siehe auch:

/nrwrex/2010/10/mg-ein-beispiel-zuk-nftiger-rechter-geschlossenheit

/nrwrex/2010/10/mgre-freie-kr-fte-gestrichen

/nrwrex/2010/10/re-pro-nrw-kreisverband-wieder-auf-partei-linie

/nrwrex/2010/10/re-pro-nrw-die-kleindeutsche-l-sung-und-die-diktatur-der-bundesrepublik

/nrwrex/2010/10/re-pro-nrw-kritik-kleindeutscher-l-sung-wieder-verschwunden

** /nrwrex/2011/06/re-rechtspopulistische-lachnummern

*** /nrwrex/2011/06/re-chaostage-bei-pro-nrw-im-ruhrgebiet

**** /nrwrex/2011/04/re-pro-nrw-auf-tour-den-narrensaum-im-gep-ck

***** /nrwrex/2011/06/re-neonazis-als-wahlkampfhelfer-f-r-pro-nrw

****** /nrwrex/2009/11/re-500-neonazis-auf-den-spuren-der-hj