UN/HAM: Ein NPD-Funktionär, sein Parteichef und die öffentlichen Klos

UNNA – Hans-Jochen Voß legt sich in diesen Tagen im Internet für seinen umstrittenen Parteivorsitzenden Udo Voigt mächtig ins Zeug – und verrennt sich dabei gelegentlich selbst nach NPD-Maßstäben.

Rein optisch ist Hans-Jochen Voß (63) alles andere als eine schillernde Erscheinung. (Partei-)Bürokratenhaft wirkt sein Auftreten. Auch wer die Gelegenheit hat, ihn reden zu hören – etwa bei einer Kundgebung im Vorfeld der neonazistischen Antikriegstagsdemonstration im September in Dortmund –, wird feststellen, dass dem NPD-Vorsitzenden für Unna und Hamm auch wirklich jede Spur von Charisma abgeht und nichts von dem, was er sagt, wirklich zwingend in Erinnerung bleibt. Hans-Jochen Voß: eine Mischung zwischen NPD-Opa, der von besseren Zeiten erzählt, Aktenordner und wandelndem Parteiprogramm.

Kontakt zu „parteifreien“ Neonazis

Aber: Für den NPD-Vorstand unter Udo Voigt sollte er seinerzeit den durch Ex-Schatzmeister Erwin Kemna verursachten Finanzskandal untersuchen (ohne dass letztlich öffentlich Ergebnisse seiner Bemühungen bekannt wurden). Für den radikaleren Flügel der Partei ist er wichtig, weil er einerseits zumindest regional den Kontakt zu „parteifreien“ Neonazis aus dem Spektrum der „Autonomen Nationalisten“ hält und sie gelegentlich auch durch Spenden bei Laune hält. Jenen Kräften innerhalb der Partei, die es in Sachen Radikalität zu toll getrieben haben, wie die mit einem Ordnungsverfahren überzogenen Dürener Funktionäre um Ingo Haller, steht er parteijuristisch zur Seite. NPD-Chef Voigt treu ergeben, beteiligte sich Voß trickreich an den Versuchen, die „Fusion“ seiner Partei mit der DVU voranzutreiben. Nebenbei organisiert er auch Veranstaltungen des „Arbeitskreises Christen in der NPD“. Ohne auf Landes- oder Bundesebene der Parteihierarchie eine Funktion innezuhaben, ist er doch zumindest für Teile seiner Partei von Bedeutung.

Virtueller Wahlkampf für Parteichef Voigt

Im Augenblick ist seine selbst gewählte wichtigste Aufgabe, alles zu tun, damit Udo Voigt auch weiterhin NPD-Chef bleibt und beim bevorstehenden Parteitag keinesfalls von seinem Gegenkandidaten Holger Apfel abgelöst wird. Seit Hauptbetätigungsfeld hat Voß dabei im Internet gefunden, wo er in den Diskussionsspalten verschiedener „Heimatseiten“ mal mehr, mal weniger subtil, mal im großväterlichen Ton dozierend, mal die Fehler der Gruppe um Apfel sezierend, für Voigt Stimmung macht.

Lokalpolitisch abstinent

Dabei vergaloppiert er sich zuweilen selbst nach den Maßstäben seiner eigenen Partei. Aktuell in einem Diskussionsstrang der extrem echten Internetseite „Deutschlandecho“. Eigentlich ist es inzwischen Allgemeingut innerhalb der NPD, dass überregionale Erfolge der Partei erst zu erwarten sind, wenn sie sich zuvor kommunalpolitisch verankert hat. Doch der NPD-Kreisverband Unna/Hamm hat lokalpolitisch wenig zu bieten. Einige wenige Randbemerkungen zu kommunalen Themen sind auf der Internetseite des Verbandes zu finden. Anlass sind zumeist Medienberichte, die mit knappen Sätzen kommentiert werden. Ansonsten herrscht Ebbe. Der Kreisverband, der 1965 gegründet wurde und damit fast so lange besteht wie die Bundes-NPD, trat 1968 im Kreis Unna und Hamm bei einer Kommunalwahl an. Das brachte ihm in der damaligen Hochphase der Partei Mandate in Unna, Kamen und Hamm ein, die aber bei der folgenden Wahl umgehend wieder verloren gingen. Seither lebt die NPD Unna/Hamm lokalpolitisch annähernd abstinent.

„Funktionierender Verband“

„Würden Voß und Konsorten sich nicht nur in der Virtualität des Internets oder auf Demos herumtreiben, könnten sie bei Kontinuität ihrer Einskomma-Ergebnisse immerhin schon im Stadt- oder Kreistag sitzen und so helfen, die NPD kommunal wirklich fest zu verankern. Aber daran hat man ja offensichtlich kein Interesse“, hält einer der Kommentatoren bei „Deutschlandecho“ Voß vor. Doch obwohl ihm diese Kritik immer wieder begegnet, zählt Voß seine Kreis-NPD gleichwohl tapfer zu den „funktionierenden Verbänden“ der Partei. Aus der Not (oder Inkompetenz) hat er inzwischen eine Tugend gemacht: Ein Kommunalwahlantritt würde „die Probleme unseres Volkes“ schließlich auch nicht lösen, verteidigt er sich.

„Fast parteischädigend“

„Fast parteischädigend“ mutet dem hessischen Landesvorsitzenden Jörg Krebs eine solche Argumentation an: „Der Antritt zu Kommunalwahlen sollte doch wohl das Grundbestreben eines jeden KVs sein. Andernfalls können Sie Ihren KV auch in einen unpolitischen Freizeitclub umwandeln.“ Doch bislang hat Voß in dieser Diskussion mit Krebs das letzte Wort behalten. Ihm stelle sich die Frage, was Krebs’ Mandat im Frankfurter Stadtrat verändert habe, schreibt er und gibt sich die Antwort selbst: „Ich denke, nichts.“ Und im Übrigen seien, wenn er sich nicht irre, „unsere Wahlergebnisse bei anderen als den Kommunalwahlen auf leider bescheidenem Niveau immer noch besser als die Ergebnisse ihres Verbandes ohne in irgendeinem Kommunalparlament über die Zahl der öffentlichen Bedürfnisanstalten abzustimmen“.

Voß’ Wunschkandidat Voigt nennt im Übrigen als eines seiner Ziele in einer weiteren Amtszeit den „steigenden Ausbau des kommunalen Unterbaues“. In einer Berliner Bezirksvertreterversammlung kümmert sich Voigt um lokale Fragen. Öffentliche Klos dürften auch dazugehören. (ts/rr)