Nebenbei: Wo ist Ernst?

BONN – Mit seiner ständig wiederholten Frage „Wo ist Behle?“ machte sich ZDF-Sportreporter Bruno Moravetz vor mehr als 30 Jahren bei einer TV-Übertragung von den Olympischen Spielen unsterblich. In „pro NRW“- bzw. „pro NRW“-nahen Kreisen scheint man sich derzeit zu fragen: „Wo ist Ernst?“ Und die Frage klingt nicht weniger dringlich.

Gemeint ist Nico Ernst, „jüngstes Ratsmitglied der Bundesstadt Bonn“, wie er selbst betont. Auf einer persönlichen Internetsetseite präsentiert er seine „Vita“, samt dem Krankenhaus, in dem er zur Welt gekommen ist, und seinen bisherigen Wohnorten. Nichts zu finden ist dort erwartungsgemäß über seinen politischen Lebenslauf, der ihn ins Umfeld einer Neonazi-Kameradschaft und zur NPD führte, ehe er sein bürgerbewegt rechtspopulistisches Erweckungserlebnis erfuhr.

Mut zur biographischen Lücke beweist Ernst auch auf seiner Facebook-Seite, die ihn als „PolitikerIn“ ausweist – eine Bezeichnung, die bei ihm allein schon als schwere sprachliche Sünde Grausen hervorrufen müsste. Auch dort: kein Wort zu NPD und Kameradschaft. Als „Arbeitgeber“ nennt der 29-Jährige bei Facebook im Übrigen die Bundesstadt Bonn und als „Stellung“ bzw. „Amt“: Stadtverordneter.

Rar gemacht

Bis vor einige Wochen hatte Ernst neben der aufreibenden Tätigkeit als Stadtratsmitglied offenbar noch reichlich Zeit, die Internetseite des Bonner „pro NRW“-Kreisverbandes, bei dem er als stellvertretender Vorsitzender fungiert, regelmäßig mit Beiträgen zu füllen. Später kam noch die persönliche Homepage hinzu, die gepflegt und aktualisiert werden wollte.

Doch seit Monaten macht sich Ernst am Rhein etwas rar. Erst reiste er zur Wahlkampfunterstützung von „pro Deutschland“ an die Spree, was ihm einen Beisitzerposten im neuen Vorstand von Manfred Rouhs’ Partei einbrachte – aber nicht unbedingt eine gesteigerte Zuneigung bei „pro NRW“-Spitzenkräften. Und nun: Wo ist Ernst?

Ernst weiß, wie man sich Freunde macht

Seinen persönlichen Blog aktualisierte er zuletzt am 4. Dezember, davor am 22. November. Die Seite seines Kreisverbandes muss seit Wochen ohne die wörtlich zitierten Welt- oder Bundesstadterklärungsversuche des Ratsmitglieds Ernst auskommen, die einst regelmäßig geliefert wurden.

Ganz aus der (virtuellen) Welt verschwunden ist Ernst freilich nicht. In den Kommentarspalten des sehr „pro NRW“-nahen Blogs „freiheitlich“ meldet sich der Stadtvertreter mit einem Hang zur Schlaumeierei und Besserwisserei dann und wann zu Wort. Das kann dann etwa so klingen, wenn er einen Kommentator, der zuvor von „Video’s“ geschrieben hatte, fragt: „Welcher ausgelassene Buchstabe ist bei der Apostrophierung des Genitivs von Video gemeint?“ Kurz: Ernst weiß, wie man sich Freunde macht.

Alles im Griff?

Einen ganz besonderen Freund hat er in jenem Kommentator gefunden, der auch „Video’s“ schaut. „Wulfen“ nennt er sich, und als „ein großer Bonner PRO NRW Sympathisant“ hat er sich geoutet. Er finde es ja sehr interessant, was Ernst immer so schreibe, konterte „Wulfen“ die Apostroph-Zurechtweisung: „Aber als Bonner Bürger würde ich mich freuen, mal wieder von PRO NRW zu erfahren, was PRO denn in Bonn macht, bzw. was denn in Bonn mit der Islamisierung und der allgemeinen politischen Situation los ist. Oder passiert in Bonn nichts mehr? Oder braucht die Stadt Bonn PRO NRW nicht mehr, weil Sie Herr Ernst alles im Griff haben?“

Partei-„Freunde“?

Nun wäre dieser knappe „Dialog“ aus einem Forum – es gibt freilich ähnliche Kontroversen zwischen beiden Beteiligten – nicht weiter erwähnenswert, hätte es in just jenem Forum nicht vor eineinhalb Wochen einen Hinweis gegeben, wer hinter dem Pseudonym „Wulfen“ stecken könnte. Es handele sich um Detlev Schwarz, hatte ein Kommentator geschrieben. Anderntags war dieser Eintrag gelöscht. Verlässlich nachprüfen lässt sich der Hinweis nicht. Detlev Schwarz ist niemand anderes als der Kreisvorsitzende von „pro NRW“ in Bonn.

Ein Kreisvorsitzender, der mit seinem Stellvertreter unter Verwendung eines Pseudonyms wenig freundlich per Internetblog kommuniziert, von diesem oberlehrerhaft zurechtgewiesen wird und ihm umgekehrt mitteilt, er solle mal wieder für die Partei arbeiten? Wäre es so, würde es nicht überraschen, betrachtet man das Personal, mit dem die angebliche „Bürgerbewegung“, zumal in Bonn, unterwegs ist. (ts/rr)