Von

Kein Ende in Sicht

„Collegium Humanum“ trotz Verbot weiterhin aktiv

Am Morgen des 7. Mai 2008 wurden die Fenster und Türen des „Collegium Humanums“ (CH) in der ostwestfälischen Kleinstadt Vlotho zugemauert, nachdem die Räumlichkeiten zuvor von der Polizei durchsucht worden waren. Innenminister Wolfgang Schäuble hatte den Verein „Internationales Studienwerk Collegium Humanum e.V.“ sowie die Unterorganisationen „Bauernhilfe e.V.“ und „Verein zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten“ (VRBHV) verboten. Das CH war über Jahrzehnte eine der zentralen Bildungsstätten der extremen Rechten in Deutschland und in den letzten Jahren zunehmend Ausgangspunkt Holocaust-leugnender Kampagnen. Doch auch fünf Jahre nach dem Verbot setzen die AkteurInnen des CH ihre Aktivitäten fort. Ein aktueller Überblick.

Kontinuitäten

Das CH wurde 1963 von dem Ehepaar Werner-Georg Haverbeck und Ursula Haverbeck-Wetzel als Heimvolkshochschule gegründet und etablierte sich bald nicht nur in der regionalen Bildungslandschaft. So fanden im CH unter anderem auch Seminare der IG Metall statt. Dass das CH in den 70er Jahren sogar teils als links geprägte Bildungseinrichtung galt, lag nicht zuletzt an einem zentralen Thema der Haverbecks: Ökologie/Naturschutz. Bereits vor 1945 war der 1931 in die Reichsleitung der NSDAP berufene Werner-Georg Haverbeck mit den Themen Umwelt- und „Heimatschutz“ beschäftigt, als Leiter des unter Federführung Heinrich Himmlers gegründeten Reichsbundes für Volkstum und Heimat. Ab Ende der 70er Jahre trat der extrem rechte Charakter des CH immer deutlicher hervor. Zusammen mit 14 weiteren Hochschulprofessoren unterzeichnete Werner-Georg Haverbeck zudem 1981 das Heidelberger Manifest, in dem vor der „Unterwanderung des deutschen Volkes“ und der „Überfremdung“ des deutschen „Volkstums“ gewarnt wurde. In dem Manifest wurde ein rassistischer und völkischer Volksbegriff propagiert und versucht, diesen pseudowissenschaftlich zu belegen. 1984 tagte das Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers im CH.

Nach dem Tod Werner-Georg Haverbecks 1999 übernahm Ursula Haverbeck-Wetzel die Leitung des CH. Schon einige Jahre zuvor war sie in führender Position in den CH-Strukturen anzutreffen gewesen. Nun radikalisierte sie die inhaltliche Ausrichtung des CH. Zusammen mit den international bekannten Holocaust-Leugnern Ernst Zündel, Horst Mahler, Manfred Roeder, Robert Faurisson, Jürgen Graf, Gerd Honsik, Germar Rudolf und Wilhelm Stäglich sowie mit Anneliese Remer – Witwe des Holocaustleugners Otto Ernst Remer – und Frank Rennicke gründete sie am 9. November 2003 den Verein zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten (VRBHV). Vorsitzender des VRBHV wurde der Schweizer Bernhard Schaub, Ursula Haverbeck-Wetzel agierte als stellvertretende Vorsitzende, Kassenwart war Arnold Höfs aus Springe.

Kontinuitäten  und Veränderungen

Als Vereinszeitung gab das CH seit den 70er Jahren die zweimonatlich erscheinende Zeitschrift Lebensschutz-Informationen LSI – Stimme des Gewissens heraus, die in einer Auflage von bis zu 3.000 Exemplaren erschien. Als zentrales Organ des CH und des VRBHV wurde die Zeitschrift ebenfalls verboten. Seit Mai 2008 erscheint nun die von Rigolf Hennig aus dem niedersächsischen Verden herausgegeben Zeitschrift Stimme des Reiches, diese ähnelt nicht nur vom Titel her der Stimme des Gewissens, auch die in ihr publizierenden AutorInnen und Themen sind großteils identisch. So stammt die Mehrzahl der Texte aus der Feder Ursula Haverbeck-Wetzels, und immer wieder finden sich dort auch geschichtsrevisionistische, teilweise den Holocaust anzweifelnde oder leugnende Artikel. 

Betätigungsfeld  „Europäische Aktion“

Einige Akteure aus dem Umfeld des CH sind heute in der extrem rechten Europäischen Aktion (EA) aktiv. Auffällig ist die Ähnlichkeit der Funktionen, die ehemalige Akteure des CH jetzt in der EA einnehmen. So stellen Bernard Schaub und Rigolf Hennig die Köpfe der deutschen „Sektion“ der Europäischen Aktion dar – und auch hier agiert Höfs als Kassenwart. Ebenso spielt Geschichtsrevisionismus eine wichtige Rolle bei der EA.

Ein weiterer ehemaliger Aktivist des CH trat 2012 im ostwestfälischen Löhne – gerade einmal 15 Kilometer von Vlotho entfernt – wieder in Erscheinung, als die sich selbst als Justiz-Opfer-Hilfe NRW (JOH) bezeichnende extrem rechte Organisation der „Reichsbürger“ ein Büro als „Botschaft des Staates Germanitien“ eröffnete (siehe hierzu auch LOTTA #49, S. 29 ). Vorsitzender der JOH ist Jürgen Niemeyer, früher als Hausmeister im CH tätig und 2006 Teilnehmer am internationalen Holocaustleugner- Kongress in Teheran. Auch Meinolf Schönborn, dessen Organisation Neue Ordnung (siehe LOTTA #53, S. 32 f.) Anfang 2013 nach Waffenfunden in den Blick der Ermittlungsbehörden und Medien geriet, war häufig im CH anzutreffen.

„Gedächtnisstätte e.V.“ in Borna und Gutmannshausen

Bereits 1992 hatte sich aus dem Umfeld des CH der Verein Gedächtnisstätte e.V. in Vlotho gegründet. Bis 2003 war Ursula Haverbeck-Wetzel Vorsitzende des Vereins, danach übernahm Wolfram Schiedewitz den Vorstand. Ziel des Vereins ist die Errichtung einer „Gedächtnisstätte für die Opfer des Zweiten Weltkrieges durch Bomben, Verschleppung, Vertreibung und in Gefangenenlagern“. In geschichtsrevisionistischer Manier wird die Kriegsschuld Deutschlands und die Shoah relativiert oder geleugnet. Um eine solche „Gedächtnisstätte“ zu errichten, bezog der Verein ab März 2005 ein ehemaliges Verwaltungsgebäude im sächsischen Borna. Finanziert wurde der Erwerb durch Spendengelder, unter anderem des 2011 verstorbenen Günther Kissel aus Solingen. Wie bereits das CH in Vlotho fungierte auch das Haus des Gedächtnisstätte e.V. als Veranstaltungsort und Treffpunkt der extremen Rechten, 2007 führten die Freien Kräfte Borna und die Freien Kräfte Leipzig ein gemeinsames Sommerfest auf dem Gelände durch, im Jahr 2008 fand dort ein Strategietreffen der NPD statt, an dem unter anderem Thomas „Steiner“ Wulff, Jürgen Rieger und André Kapke teilnahmen. 

Nachdem der Gedächtnisstätte e.V. seine Räumlichkeiten in Borna 2009 verloren hatte, bezog der Verein im Sommer 2011 ein ehemaliges Rittergut im thüringischen Gutmannshausen. Das Gebäude und das dazugehörige Grundstück, das sich zuvor im Besitz des Landes Thüringen befand, wurde im Mai 2011 für 320.000 Euro von Bettina Maria Wild-Binsteiner für den Verein Gedächtnisstätte e.V. erworben. Auf dem Gelände des Ritterguts hat der Verein inzwischen mit der Errichtung der geplanten „Gedächtnisstätte“ begonnen. Seit dem Bezug des Ritterguts fanden dort bereits über 20 Wochenendseminare statt. Für das erste vom 16. bis zum 17. September 2011 war als Hauptreferentin Ursula Haverbeck-Wetzel eingeladen. Dass sich das ehemalige Rittergut zu einem wichtigen Veranstaltungsort auch für VertreterInnen der „Neuen Rechten“ entwickelt, zeigt sich aktuell an der Ankündigung eines Vortrags von Götz Kubitschek für den 21. Dezember 2013.

Seminare im In- und Ausland

Doch Gutmannshausen ist nicht der einzige Ort, an dem seit dem Verbot Seminare aus dem Umfeld des ehemaligen CH durchgeführt werden. Für den 24. und 25. Januar 2009 wurde zu einer angeblichen Geburtstagsfeier Ursula Haverbeck-Wetzels nach Mosbach in Baden-Württemberg eingeladen. In der Gaststätte, in der schon das CH über Jahre hinweg Veranstaltungen organisiert hatte, stand als Referent Bernhard Schaub auf dem Programm. Es folgten weitere Tagungen in Mosbach, auf einer von diesen ging es beispielsweise um die geforderte Freilassung des Holocaust-Leugners Horst Mahler. Inzwischen werden diese Treffen unter dem Stichwort „Familientreffen“ durchgeführt. Die Einladungen zu den Treffen enthalten kaum noch Informationen zum Programm und zu den ReferentInnen, sie beschränken sich teilweise auf Andeutungen wie „die Redaktion der Stimme des Reiches wird anwesend sein“. Wer sich hier anmeldet, weiß ohnehin, was ihn oder sie erwartet. Scheinbar lassen sich jedoch nicht alle Diskussionen und Vorträge in Deutschland abhalten. Seit 2012 findet jährlich eine vom VRBHV-Gründungsmitglied Gerd Honsik organisierte „Gästewoche“ im westeuropäischen Ausland statt. Mit Gerd Honsik, Ursula Haverbeck-Wetzel, Ernst Zündel, Rigolf Hennig, Bernhard Schaub und Udo Walendy stand 2012 die gesamte Führungsriege des verbotenen VRBHV als ReferentInnen auf dem Programm. 

Die NS-Wanderpredigerin

Vor allem seit dem Tod ihres Mannes ist Ursula Haverbeck-Wetzel auf zahlreichen Demonstrationen und Treffen des militanten Neonazismus anzutreffen, oft auch als Rednerin bzw. Referentin. So nahm sie am Rudolf-Hess-Gedenkmarsch 2004 in Wunsiedel ebenso teil wie an den „Trauermärschen“ im niedersächsischen Bad Nenndorf. Dort trat sie auch als Rednerin in Erscheinung. Doch nicht nur bei Demonstrationen verbreitet Haverbeck-Wetzel ihr nationalsozialistisches Gedankengut, als Referentin reist sie durch die gesamte Bundesrepublik. So war sie am 11. August kurz vor dem Verbot der Kameradschaft Hamm zu einer Veranstaltung in Hamm geladen. Nicht verwunderlich, pflegt sie doch nicht nur gute Kontakte zur örtlichen „Kameradschaft“, sondern auch zur NPD Unna/Hamm um Hans-Jochen Voß. Als Grande Dame der Holocaust-Leugnung ist sie in vielen Spektren der extremen Rechten eine gern gesehene Referentin und scheint über Parteiengezänk und Gruppenspaltungen erhaben zu sein. Auch bei der Partei Die Rechte trat sie als Hauptreferentin bei einer Veranstaltung am 28. September 2013 in Staufenberg-Spiekershausen bei Kassel anlässlich des 150. Todestag von Jacob Grimm auf. Welche exponierte Rolle Haverbeck-Wetzel mittlerweile in der extremen Rechten zukommt, zeigt sich auch an den vielen Ehrungen, die ihr zuteil werden. So ernannte die NPD- Unterorganisation Ring Nationaler Frauen (RNF) sie zur „Frau des Jahres 2011“, und der Vorsitzende des Die Rechte-Kreisverbandes Rhein-Erft, Markus Walter, überreichte ihr am 9. November 2013 anlässlich ihres 85. Geburtstags am Tag zuvor eine Ehrenurkunde.

Fazit

Das Verbot des CH und des ihm angegliederten Vereins führte zum Verlust des Tagungszentrums in Vlotho und erschwerte so die Durchführung von Seminaren für die extreme Rechte. Doch das seit Jahrzehnten aktive Netzwerk der AkteurInnen des CH ermöglichte es diesen, neue Organisationen zu finden, in denen sie ihre Arbeit fortsetzen können. So übernehmen die Räumlichkeiten des Gedächtnisstätte e.V. die Funktion eines Seminarhauses und Kontaktpunkts für die unterschiedlichen Spektren der extremen Rechten. Andere Seminare werden lediglich intern beworben und zumindest teilweise im Ausland fortgeführt. Durch ihre unermüdliche Aktivität für den NS ist Ursula Haverbeck-Wetzels Bedeutung in der extremen Rechten weiter gestiegen, sie gehört heute zu den wenigen verbindenden Symbolfiguren – nicht trotz, sondern wegen ihrer offenen Leugnung der Shoah.

Meta