Von

„Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“

Wie gesellschaftskritisch ist das Modell?
Foto: Stephan Röhl / Heinrich-Böll-Stiftung (CC BY-SA 2.0)
Wilhelm Heitmeyer

Die „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (GMF) ist vielen ein Begriff. In Politik, Medien und Praxis wird oft und gern darauf Bezug genommen. Hervorgehoben wird insbesondere, dass nun endlich Zahlen vorlägen, die das Ausmaß „des Problems“ belegten, und dass dort „Rechtsextremismus“ nicht auf ein einzelnes „Element“ reduziert werde, sondern umfassend „Feindlichkeit“ gegenüber verschiedenen Personengruppen untersucht werde. Doch wie „neu“ ist dies tatsächlich? Und wie ist es um das kritische Potential bestellt?

Die „Deutschen Zustände“ sind in den letzten zehn Jahren regelmäßig als erschwingliche Taschenbuchausgabe erschienen. Sie enthalten neben kurzen Analysen der empirischen Daten zu ausgewählten Aspekten auch Berichte aus der Praxis zivilgesellschaftlicher Akteur*innen und von Journalist*innen. Das erhöht sicherlich die Lesbarkeit für ein Publikum, das mit einer Flut an Zahlen, Tabellen und Graphiken nicht allzuviel anzufangen weiß. Denn quantitative Untersuchungen gibt es, sowohl von staatlichen Stellen als von NGOs und von unabhängigen Wis­senschaftler*innen. Auch Studien und Theo­rien, die „Rechtsextremismus“ nicht auf Rassismus reduzieren bzw. Wechsel­wirkungen unterschiedlicher ge­sellschaftlicher Machtverhältnisse und Differenzierungen – teils zentral – thematisieren, sind seit Längerem keine Seltenheit mehr. Es verwundert also, warum gerade dieses Modell, das in wissenschaftlichen Debatten so wenig zur Kenntnis genommen wird, in Politik, Medien und Praxis gleichermaßen zustimmend zitiert wird.

Im Folgenden wird aus wis­sen­schaft­licher Perspektive diskutiert, warum das Modell der GMF weitgehend uninteressant ist. Aus gesellschafts­kri­ti­scher Sicht wird gefragt, warum dieses Mo­dell politisch so wenig zu bewegen vermag.

Das Modell und seine Vorannahmen

In der kürzlich abgeschlossenen Lang­zeit­untersuchung des Bielefelder Insti­tuts für interdisziplinäre Konflikt- und Ge­waltforschung werden Einstellungen zu Elementen abgefragt, die zum „Syn­drom der gruppenbezogenen Men­schen­feind­lichkeit“ zusammengefasst werden. Die theoretische Grundlegung der Un­tersuchung, wie sie Wilhelm Heitmeyer, Lei­ter der Studie von der Universität Bielefeld, in der letzten Folge der Publikation „Deutsche Zustände“ (2012) einleitend zusammenfasst, geht von folgendem Modell aus:

„Die Grundphilosophie unseres Projekts bestand nun darin, daß (sic) die Gleichwertigkeit aller Menschen und die Sicherung ihrer physischen und psychischen Unversehrtheit zu den zentralen Werten einer modernen und humanen Gesellschaft gehören. Diese Prinzipien drücken den Willen einer Gesellschaft aus, ein möglichst angst­freies Zusammenleben von Individuen und Gruppen unterschiedlicher ethni­scher, religiöser, kultureller oder so­zia­ler Herkunft mitsamt ihrer alltäglichen Le­benspraxis zu realisieren. Die Ver­wirk­lichung solcher Wert- und Norm­vor­stellungen ist bekanntlich in engem Zu­sammenhang mit gesellschaftlichen Ent­wicklungen zu sehen, also sozialen, öko­nomischen und politischen Pro­zes­sen. Eine auf längere Sicht zer­stö­rerische Entwicklung sowohl für In­di­vi­duen als auch für eine liberale und hu­mane Gesellschaft ist dann gegeben, wenn sich menschenfeindliche Einstellungen und Verhaltensweisen zeigen oder gar ausweiten.“

Der gesellschaftliche Kontext, in dem „menschenfeindliche Einstellungen“ verortet werden, wird beschrieben als einer, in dem es zwischen Politik und Kapital zu einer Kontrollverschiebung gekommen sei, die zu einer Ent­si­che­rung, Richtungslosigkeit und De­mo­kra­tie­entleerung in der Bevölkerung führe.

Das heißt, Rassismus, Sexismus usw. wer­den zwar auf der Ebene der (ab­ge­frag­ten) Einstellungen benannt. Auf po­li­tischer und gesellschaftlicher Ebene wer­den die Missstände aber nicht als ras­sistische, sexistische usw. analysiert oder benannt – etwa im Zusammenhang mit der Ausländergesetzgebung, Mi­gra­tions­politik, Frauenerwerbsarbeit, Gleich­stellung gleichgeschlechtlicher Part­ner*innenschaften usw.. Vielmehr wer­den sie auf eine andere Ebene ver­lagert, die das Verhältnis von Kapital und Politik bzw. das Versagen von Politik im Allgemeinen thematisiert. Rassismus, Sexismus usw. sind dann „Elemente“ eines „Syndroms“, die als Effekte eines gesellschaftlichen Problems auftauchen, aber wenig mit den Inhalten der Elemente des Syndroms zu tun haben. Gesellschaft und Politik werden dann zwar in die Verantwortung genommen (sie sollen das Kapital kon­trollieren, die Ängste der Bürger*innen ernst nehmen, für Sicherheit und Zu­sam­menhalt sorgen etc.). Gleichzeitig aber werden jene konkreten „men­schen­feindlichen“ Praktiken und Dis­kur­se, die politisch propagiert und um­ge­setzt werden (und zwar nicht lediglich von extrem rechten Parteien), außer Acht gelassen. Die Beschreibung der Moderne als human und auf Gleich­wertigkeit zielend, lässt sowohl die historischen Opfer der Moderne (Kolo­nialis­mus und Nationalsozialismus), als auch die aktuellen (etwa NSU und Lam­pe­dusa) außer Acht. Gesellschaftliche Zusammenhänge zwischen Macht-, Herrschafts- und Gewaltverhältnissen können vor dem Hintergrund der gesellschafts-/theoretischen Voran­nah­men, die dem Modell GMF zu Grunde ge­legt werden, nicht in den Blick geraten.

Ein­stellungen und Anschläge

Lediglich im Zusammenhang mit Islam­feindlichkeit – die hier von Rassismus und der ebenfalls erhobenen Frem­den­feind­lichkeit unterschieden wird – wird ein spezifischer Zusammenhang zwischen Po­litik und Einstellungen als Be­grün­dung genannt. Islamfeindlichkeit wird in den Zusammenhang des 11. Sep­tem­ber 2001 gestellt: Hier habe die Politik ver­sagt, weil sie nicht adäquat reagiert und die Bedrohungsängste der Men­schen nicht ernst genommen habe. Die Fol­ge sei eine Entsicherung des Zusammenlebens. In früheren Publika­tio­nen wurde der Begriff der Islamo­phobie bevorzugt, der die zu Grunde liegende Argumentation deutlicher zum Aus­druck bringt. Sie geht davon aus, dass „deutsche“ Bürger*innen sich be­droht fühlten und Angst hätten und des­wegen „islamfeindlich“ eingestellt seien. Es findet also argumentativ eine Täter*in-Opfer-Umkehr statt. Auch werden hier in dichotomisierender Weise Muslim*innen als Nicht-Deutsche und Deutsche als Nicht-Muslim*innen definiert, Religionszugehörigkeit und Staatsangehörigkeit demnach als Einheit gesetzt. So wird etwa die Zustimmung zu folgender Aussage erfragt: „Mus­li­men sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden.“ (S. 38) Fragen und Begrifflichkeiten beruhen auf dem Grundmodell der Studie, das den Konstruktionsprozess des Othering, des Fremd-machens, hier: der Muslimi­sierung nicht in Frage stellt. Damit folgt die Studie dem herrschenden politischen Diskurs, wonach Deutsche, deutsche Geschichte und deutsche Kultur genuin christlich seien. „Der Islam“ sei „uns“ demnach fremd und gehöre nicht hierher. Damit findet nicht nur eine vereindeutigende Geschichts­schreibung statt, die jene Aspekte „vergisst“, die ihr nicht in die Kons­truktion der deutschen Nation passen. Darüber hinaus wird die gegenseitige Beeinflussung, gemeinsame Entwick­lungen, geographische, religiöse und kulturelle Nähe christlicher und muslimischer Gesellschaften verkannt – oder verdrängt. Gleichzeitig werden jene politischen, rechtlichen und ge­sell­schaft­lichen Praktiken, die aus Eingewanderten Muslim*innen machen und sie entlang ihrer Muslimisierung an der gleichberechtigten Partizipation an Gesellschaft hindern, unsichtbar ge­macht. Der politische und rechtliche Ausschluss und die Marginalisierung von Mig­rant*in­nen, Flüchtlingen, Muslim*innen (und anderen) wird verharmlosend als religiös-kulturelle Differenz, die ihren Niederschlag in Einstellungen findet, abgefragt. Der Beitrag von Gesellschaft und Politik zu „Islamfeindlichkeit“ bzw. „Menschen­feind­lichkeit“ im Allgemeinen wird nicht als konstitutiver theoretisiert. Vielmehr wird „unsere“ moderne Gesellschaft als grundsätzlich human angenommen. Dieses Bild wird lediglich durch bestimmte Einstellungen getrübt, die aber angesichts des politischen Unvermögens, die eigenen Bürger*in­nen vor dem „Islamismus“ zu schützen, verständlich seien.

Einzelne (insbesondere extrem rechte) Politiker*innen und andere Eliten (in den Medien etwa) nutzten ihre Po­si­tio­nen, um sich islamfeindlich zu äußern. Das heißt, auch die in der „Grund­philosophie“ aufgeführten Ebenen der Institutionen, Politik, Medien, Repräsen­tationen, werden nicht in ihrem jeweils spezifischen Beitrag zu den erhobenen Äußerungen analysiert, sondern ebenfalls ausschließlich als Einstellungen, die allerdings – da mit Macht aus­gestattet – Wirkung zeigten. Derart wird Rassismus (bzw. Islamfeindlichkeit) auf eine Meinung, Äußerung oder Ein­stellung reduziert, die modernen Gesell­schaf­ten ihrer Grundstruktur nach äußerlich seien, ihnen im Grunde wi­dersprechen.

Einstellungen, Gesellschaftsstruktur und Politik

Das Modell GMF geht davon aus, dass Rassismus, Sexismus, Homophobie etc. der Moderne äußerlich seien. Diese Vor­an­nahme hat zur Folge, dass Dis­kri­mi­nie­rung als Einstellung von Individuen definiert wird, ohne diese Einstellungen auf ihre inneren Bezüge zur modernen Gesellschaft hin zu befragen, mit ihren Formen struktureller, institutioneller und diskursiver Diskriminierung. Diese Herangehensweise hat fatale Aus­wir­kungen auf die gesamte Untersuchung. Die erhobenen Antworten zu „Frem­denfeindlichkeit“ etwa werden mit Da­ten zu Jugendarbeitslosigkeit, Pre­ka­ri­sierung u.ä. ins Verhältnis gesetzt, so dass „Fremdenfeindlichkeit“ nicht als solche zu erklären versucht wird, sondern über den Umweg der Jugendarbeitslosigkeit etc.. Dies wir­d mit Orientierungslosigkeit, fehlen­dem Zusammenhalt, Zerfall der Gesellschaft etc. ins Verhältnis gesetzt, so dass eine Argumentationskette ent­steht, die zwar bei Rassismus, Sexismus etc. ansetzt, diese aber nicht als solche ernst nimmt, sondern lediglich als Symptome für etwas anderes, das auf Fehlentwicklungen in der Politik hinweisen soll. Die Politik aber wird nicht auf ihre rassistischen, sexistischen, homophoben, antimuslimischen Argu­mentationen und Praktiken hin befragt, sondern auf ihre Fähigkeiten, Kapitalismus zu kontrollieren und Terrorismus zu bekämpfen. Diese Argumentation kann nicht erklären, warum diese Politik zu genau diesen Einstellungen (und nicht zu ganz anderen oder zu solchen, die direkt auf Politik zielen) führt bzw. warum die genannten politischen Tendenzen als Ursachen angenommen werden und nicht in rassistischen, sexistischen, heteronormativen etc. Politiken nach Ursachen oder zumindest Zusammen­hängen zu eben jenen Einstellungen gesucht wird.

Durch die Forschungsperspektive findet eine Instrumentalisierung von Muslim*innen, Sinti und Sintize, Roma und Romnja etc. statt sowie eine Entlastung von Politik und befragten Bürger*innen: Politik wird nicht auf ihre Praktiken hin befragt, die diese Gruppen faktisch diskriminieren; Individuen wehren sich nur, indem sie sich „abwertend“ über Andere äußern. Marginalisierte und Diskriminierte sind dabei als Indikatoren für den Zustand der Gesellschaft interessant.

Die theoretischen Bezüge des GMF-Projekts werden in Erklärungsmodellen begründet, die die zu erhebenden Diskriminierungen und Abwertungen nicht als gesellschaftliche mitdenken, sondern zu Einstellungen und Vor­ur­tei­len verharmlosen. Rassismen, Sexismus, Homophobie usw. werden als subjektive und soziale Reaktionen auf gesell­schaftliche Verhältnisse und nicht als die Gesellschaft strukturierend und konstituierend definiert; die zu Grunde gelegte Gesellschaftstheorie kommt damit ohne eine Analyse von Antisemitismus, Rassismus, Sexismus etc. aus. Sie werden als Folgeprobleme individualisiert und entpolitisiert.

Elemente eines Syndroms

Das Forschungsprojekt GMF ist angetreten, die unterschiedlichen Elemente des „Syndroms“ in ihrem Verhältnis zueinander zu erheben und zu analysieren. Auch hierzu werden der eigenen Studie nicht jene Debatten zu Grunde gelegt, die spätestens seit den 1980er Jahren zur Verschränkung, Intersektionalität, Wechselwirkung, Überlappung von Machtverhältnissen geführt werden. Vielmehr werden verschiedene Begriffe eingeführt (auf Grund welcher theoretischen Vor­an­nah­men oder empirischen Vorun­ter­suchung bleibt unklar), Rassismus, Frem­denfeindlichkeit, Antiziganismus, Islamfeindlichkeit, Etabliertenvorrechte etc. erscheinen dann als jeweils säuberlich voneinander zu trennende „Elemente“. Die Vorannahmen, mit denen die Forscher*innen in die Er­hebung der Daten gehen (und die nicht im Laufe der Forschung in Frage gestellt werden), werden der Auswertung zu Grunde gelegt und mit den Daten belegt. Die Vorannahme etwa, dass Jugend­arbeitslosigkeit und Rassismus zu­sam-men hängen müssen, führt dazu, dass die Daten zu Jugendarbeitslosigkeit und jene zu Rassismus nebeneinander gestellt werden und festgestellt wird: Beides steigt oder sinkt parallel. Daraus aber einen inneren Zusammenhang zu konstruieren, bedarf weiterer Unter­su­chungen, die – trotz des enormen Auf­wands der Studie – nicht stattgefunden zu haben scheinen, jedenfalls sind dazu keine Publikationen erschienen.

Das ist nicht nur ein wissenschaftliches Problem, sondern auch ein politisches. Studien zu Sexismus, Rassismus, An­ti­se­mitismus usw. zeigen übereinstimmend, dass die Formen und sozialen Orte, in denen sie zum Tragen kommen, zwar verschieden sein können. Während in einigen sozialen Kontexten bestimmte Äußerungen als legitim erscheinen, werden sie in anderen verklausuliert. Die Antworten auf ausgewählte Fragen, die lediglich knapp abgehakt werden können, geben keine verlässliche Auskunft darüber, welche Einstellung eine Person zu dem gesamten Phä­nomen hat. Auch ist die Parallelisierung von Antworten zu Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie etc. zu So­zialdaten, zu beruflichem Anstellungs­ver­hältnis oder formalem Bil­dungs­abschluss kein Hinweis darauf, dass es einen inneren Zusammenhang zwischen diesen beiden Dimensionen gibt. Es ist zwar löblich, dass Heitmeyer et al. daran erinnern, in welcher Weise das Ver­hältnis von Politik und Kapital dazu bei­ge­tragen hat, dass sich soziale Wider­sprüche verschärft haben. Nur mit den genannten Elementen der GMF hat das nicht unbedingt etwas zu tun bzw. der hergestellte Zusammenhang kann durch die Studie nicht belegt werden. Viel­mehr werden entsprechende Einflüsse von Politik und Kapital (und anderen „Eliten“, etwa in Bildung, Wissenschaft, Medien etc.) zur Sexualisierung, Rassialisierung, Heteronormalisierung etc. unserer Gesellschaft ignoriert. Der Zusammenhang zwischen diesen gesellschaftlichen Machtverhältnissen besteht in ihrer jeweils spezifischen Tradierung und Funktionalität, die aufeinander verweisen, sich kreuzen, sich verstärken oder modifizieren können. Ihr Verhältnis zueinander wird in entsprechenden Studien heraus­ge­arbeitet. Die Relation der Macht­verhältnisse zueinander und ihre gesellschaftliche Verankerung und politische Rahmung wird in diesen Arbeiten in einer Weise diskutiert, die Geschlecht, Sexualität, Beeinträch­tigung, Nation, Ethnizität usw. als konstitutive und Gesellschaft struk­turierende Verhältnisse ernst nimmt. Zu dieser gesellschaftskritischen Debatte vermag das Modell GMF nichts beizutragen.

Literatur

Attia, Iman (2013): Institutionelle Diskriminierung und struktureller Rassismus in modernen Gesellschaften. In: Opferperspektive e.V. (Hg.): Rassistische Diskriminierung und rechte Gewalt, Münster, S. 139-152

Heitmeyer, Wilhelm (Hg.) (2012): Deutsche Zustände. Folge 10, Berlin

Terkessidis, Mark (2004): Die Banalität des Rassismus, Bielefeld

Meta