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Das männlich geprägte Bild von Antifa in Frage stellen

Interview mit der „ag5“ aus Marburg

Antifa-Gruppen sind oftmals von einer männlichen Dominanz geprägt. Die Frage, wie Strukturen geschaffen werden können, in denen sich mehr Frauen*(1) angesprochen fühlen, sollte ein wichtiges Anliegen antifaschistischer Politik sein. Ein Gespräch mit der ag5 aus Marburg über den Versuch mit einer Quotierung männliche Dominanz aufzubrechen.

Das hat euch als Antifa-Gruppe dazu bewegt eine Frauenquote einzuführen?

Dass Antifa ein männlich dominiertes Politikfeld ist, ist ja keine Neuigkeit. Als Gruppe stellen wir immer wieder fest, dass potenzielle Neuzugänge meist männlich sind oder dass Männer eher als potenzielle Mitglieder angesehen werden. Das finden wir scheiße. Antifaschismus heißt für uns auch Kampf gegen das Patriarchat. Doch offenbar reproduzieren wir sexistische Stereotype, die Frauen* als weniger geeignete Mitglieder zeichnen, haben eine „männerbündischere“ Struktur als uns lieb ist oder präsentieren uns als Gruppe in einer Art, die Frauen* abschreckt.

Wie kam es zur Einführung der Quote?

Vor etwa zwei Jahren haben wir eine interne Auseinandersetzung geführt, um die Mechanismen, die Frauen* ausschließen oder abschrecken, zu thematisieren und Strategien zu deren Abbau zu entwickeln. Damals haben wir uns neben Aufforderungen zu konkreten Verhaltensänderungen von Gruppenmitgliedern für einen vorläufigen Aufnahmestopp für Cis-Männer, also Männer, die sich mit dem bei ihrer Geburt zugewiesenen Geschlecht weitestgehend identifizieren, entschieden. Wir sahen das als Chance, die Aufnahme von Frauen* in den Fokus zu nehmen und einer Verstärkung männlicher Dominanz in der Gruppe entgegenzuwirken. Vor etwa einem halben Jahr haben wir den Aufnahmestopp und die Entwicklung der Mitgliederstruktur und des öffentlichen Auftretens der Gruppe evaluiert. Dabei haben wir beschlossen, eine dynamischere und langfristigere Regelung zu treffen, da der Aufnahmestopp meist nur als „Phase“ wahrgenommen wurde.

Wie hoch ist eure Quote? 50%?

Nicht ganz (lacht). Tatsächlich ist es unser erklärtes Ziel, dass die Gruppe zu mindestens 50% aus Frauen* besteht. Nach langer Diskussion haben wir uns dazu entschieden zunächst eine Quote einzuführen, die den aktuellen Status quo nach unten hin absichert, also, dass der Frauen*anteil nicht unter den jetzigen sinken darf. Diese Quote wollen wir kontinuierlich steigern, um in absehbarer Zeit eine paritätische Mitgliederstruktur zu erreichen. Die Aufnahme von Personen, die weder Frauen* noch Cis-Männer sind, wird von der Quote nicht eingeschränkt. Sie können zu jedem Zeitpunkt aufgenommen werden.

Wie kam es zu dieser Entscheidung? Ist das ein Kompromiss?

Es gab verschiedene Gründe für die Entscheidung und ja, sie war ein Kompromiss. Stark vereinfacht lässt sich die Debatte auf einen Konflikt zwischen feministischen Forderungen innerhalb der Gruppe und dem Wunsch nach „Handlungsfähigkeit“ herunterbrechen. Es gab die Befürchtung, sollten Männer von der Aufnahme ausgeschlossen bleiben, oder - wie im Fall einer 50%-Quote - hohe Hürden für die Aufnahme bestehen, hätte die Gruppe nicht genügend wo*menpower, um weiterhin ihrem Anspruch an antifaschistische Politik gerecht zu werden. Die Erklärung der Absicht Frauen* aufzunehmen führt schließlich - leider - nicht augenblicklich dazu, dass Frauen* vor unserem Plenumsraum Schlange stehen, während dies bei Cis-Männern nach zwei Jahren Aufnahmestopp mehr oder weniger der Fall war.

Hat also euer Wunsch nach Handlungsfähigkeit überwogen?

Auch wenn wir uns für die pragmatischere „dynamische Quote“ entschieden haben, stimmt es nicht ganz, dass der Wunsch nach Handlungsfähigkeit gewonnen hat. Vielmehr hat die Diskussion darüber, was „Handlungsfähigkeit“ überhaupt ist dazu geführt, dass wir unsere Vorstellungen hinterfragen konnten. So haben wir festgestellt, dass „Handlungsfähigkeit“ oft indirekt mit „viele Männer in der Gruppe, die Antifa zu ihrer obersten Priorität machen“ gleichgesetzt wurde und dass mit „Handlungsfähigkeit“ meist die Befähigung zu einem ganz bestimmten Set an Aktionen gemeint ist. Uns das klargemacht zu haben, wird uns hoffentlich dabei helfen, unseren Blick auf Aktionspotentiale zu erweitern. Durch diese Einsichten konnten wir den Konflikt zwischen dem Ziel einer paritätischen Mitgliedschaft und fortbestehender Handlungsfähigkeit jedoch nicht auflösen.

Was heißt das konkret?

Als Gruppe in einer Stadt voller Student*innen müssen wir Strategien entwickeln, um die Mitgliederfluktuation zu bewältigen. Wir wollen unter anderem durch die Quote ausschließende Mechanismen innerhalb dieser Strategien abbauen. Jedoch geht das nicht von heute auf morgen, sondern braucht Zeit, Engagement etc. Eigentlich ist die Quote auch mehr Abwehrmechanismus als emanzipatorische Strategie.

Das heißt, ihr glaubt nicht, dass eine Quote ausreicht, um die männliche Dominanz in der Antifa abzubauen?

Naja, dass Quoten nicht die große Hoffnung der radikalen Linken sind, dürfte klar sein. Für uns ist sie eine Möglichkeit abzusichern, dass die männliche Dominanz in der Gruppe nicht zunimmt. Wir glauben aber, dass die Quote allein nicht ausreicht. Wie gesagt, Frauen* aufnehmen zu wollen führt nicht dazu, dass sich mehr interessierte Frauen* melden.

Wie wollt ihr erreichen, dass sich mehr Frauen* interessieren und melden?

Wir wollen versuchen durch Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen Frauen* auf uns aufmerksam zu machen. Wir wollen das stark männlich geprägte Bild von Antifa in Frage stellen und Räume für Antifaschistinnen* schaffen. Zudem wollen wir an unserer Gruppenkultur arbeiten, da diese ebenfalls dazu beitragen kann, dass Frauen* sich gegen eine Organisierung in unserer Gruppe entscheiden. Beispielsweise haben wir Sondertreffen der Männer der Gruppe einberufen, um die Reflexion von Privilegien und damit verbundenen Verhaltensweisen zu institutionalisieren.

Habt ihr nicht das Gefühl, dass ihr Potenzial vergeudet, wenn ihr motivierten (Cis-)Männern die Organisation in eurer Gruppe verwehrt?

Wir glauben, dass wir sehr viel mehr Potential vergeuden, wenn wir Antifa als „boys club“ gestalten „Potential“ gedeutet wird, heißt bei Frauen* nämlich meistens „keine Erfahrung“. Daher gelten Männer merkwürdigerweise als ideale Antifas, bevor sie irgendetwas getan haben, während Frauen* eher skeptisch beäugt werden und sich erst mal beweisen müssen. Also nein. Wir haben kein schlechtes Gewissen wegen all der motivierten Männer, die jetzt in weniger coolen Gruppen ihr Dasein fristen müssen. Ganz im Gegenteil: Wir erwarten von den Abgewiesenen Verständnis für unsere politische Auseinandersetzung, die als unpopulär wahrgenommene Absagen mit sich gebracht hat und ausnahmsweise mal auf männlicher Seite die Notwendigkeit zur Zurückhaltung. Letztlich ist es eine Abwägungsfrage und die haben wir nach langer Diskussion wie dargestellt entschieden - aus politischer Überzeugung und ohne weinendes Auge.

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(1) Der Begriff „Frau“ ist mit einem bestimmten Bild/einer bestimmten sozialen Konstruktion verbunden. Durch das Sternchen soll aufgezeigt werden, dass nicht nur diejenigen, die dem Bild entsprechen, gemeint sind, sondern alle, die sich als Frauen* definieren.


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