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RechtsRock aus NRW beim „Sturm auf Themar“
"Division Germania" in Themar.
Foto: Belltower News
"Division Germania" in Themar. Links: Bandleader Andreas Koroschetz.

Am 15. Juli 2017 fand in Themar (Thüringen) eines der größten RechtsRock-Konzerte in der Bundesrepublik statt. Unter dem Motto „Rock gegen Überfremdung II“ kamen spektrenübergreifend rund 6.000 Neonazis zusammen. RechtsRock-Protagonisten aus NRW spielten bei dem Event eine wichtige Rolle.

Schon über Monate hinweg wurde für das „Rock gegen Überfremdung II“ innerhalb der neonazistischen Szene mobilisiert. Nicht zuletzt der angekündigte Auftritt der RechtsRock-Kultband Stahlgewitter sorgte für eine Art Hype in der Szene. Mit dem Headliner Stahlgewitter knüpften die Organisatoren aus dem Umfeld der aus Thüringen stammenden neonazistischen Bruderschaft Turonen/Garde 20 an ein Event an, das am 26. Oktober 2016 in Unterwasser (Schweiz) stattfand. Bei diesem als „Rocktoberfest“ gelabelten Konzert, das ebenfalls unter Beteiligung von thüringischen Neonazis sowie Akteuren aus dem internationalen Netzwerken von Blood & Honour und Hammerskins organisiert wurde, kamen zur Überraschung der Behörden und der Öffentlichkeit etwa 5.000 Neonazis aus Deutschland und anderer europäischer Ländern zusammen. Die Band Stahlgewitter stand dort nach einer Bühnenabstinenz von rund neun Jahren erstmals wieder auf der Bühne.

Auf der Bühne

Bei dem Konzert am 15. Juli 2017, das als politische Kundgebung von Tommy Frenck (Kloster Veßra/Hildburghausen) auf einem Gelände im südthüringischen Themar angemeldet wurde, gab es neben RechtsRock auch eine Reihe von Redebeiträgen, die von RednerInnen aus verschiedenen Spektren der extremen Rechten gehalten wurden. So fand sich neben nordrhein-westfälischen Neonazis wie Sascha Krolzig (Die Rechte) und dem als „Freien Nationalisten“ angekündigten Sven Skoda auch der Chef der russischen NS-Kampfsportmarke White Rex, Denis Nikitin, auf der Rednerliste wieder.

Gekommen waren die Neonazis allerdings wegen der angekündigten Auftritte der Bands Stahlgewitter, Die Lunikoff Verschwörung, Sleipnir, TreueOrden, Uwocaust, Blutzeugen und Flak. Darüber hinaus gab es einen „Überraschungsauftritt“ der Gruppe Division Germania. Während für Flak-Frontmann Philipp „Phil“ Neumann (Rhein-Sieg Kreis/NRW) das Konzert die „professionellste Musikveranstaltung, die ich je in unseren Reihen erleben durfte“ war, gab es auch Kritik aus der Szene. So kritisierten Neonazis der Kleinstpartei Der III. Weg, die in Themar mit einem Infostand und zahlreichen Mitgliedern in einheitlichen Jacken vertreten war, die Konsumhaltung und den übermäßigen Alkoholkonsum der TeilnehmerInnen.

Die rund 6.000 anwesenden Neonazis konnten sich an diesem Tag auf dem Gelände eine Art rechtsfreien Raum schaffen, was unter anderem zu zahlreichen „Hitlergrüßen“ und „Sieg Heil“-Rufen vor der Bühne sorgte, ohne dass die anwesende Polizei eingreifen konnte.

Band…

Bei vier der genannten Bands stammt die überwiegende Zahl der Mitglieder aus NRW. In den letzten Jahren hat sich ein Kreis an nordrhein-westfälischen Neonazi-Musikern herausgebildet, die in verschiedenen Konstellationen bei RechtsRock-Projekten in Erscheinung treten. Auch bei den Auftritten in Themar zeigte sich der Projektcharakter dieser Bandgeflechte, die von langjährig aktiven Bandleadern geprägt sind, die sich bei Bedarf wechselnde personelle Unterstützung organisieren. So standen bei dem Auftritt der Mitte der 1990er Jahre gegründeten Band Stahlgewitter neben dessen Leadsänger Daniel „Gigi“ Giese (Meppen/Niedersachsen), die Gitarristen Andreas Koroschetz (Mönchengladbach/NRW) und Philipp Neumann, Bassist Matthias Weßler (Rhein-Kreis Neuss/NRW) sowie der aus Hamm (NRW) stammende Schlagzeuger Patrick Gerstenberger auf der Bühne. Gründungsmitglied und Gitarrist Frank Krämer (Rhein-Sieg Kreis/NRW) war zwar in Themar anwesend, gehörte aber wie bei dem Stahlgewitter-Auftritt in Unterwasser nicht zur Live-Besetzung. Er zähle immer noch zur Originalbesetzung von Stahlgewitter, so Krämer im Internet, für Konzerte und Vorbereitung fehle ihm in der Regel aber die Zeit. Krämer, der seit den 1990er Jahren in der neonazistischen Szene aktiv ist, betreibt unter anderem den Sonnenkreuz-Versand und ist Kopf der rechten Neofolk bzw. Pagan-Metal Band Halgadom.

…geflechte

Fast in der selben Besetzung standen die Musiker von Stahlgewitter in Themar auch als Division Germania auf der Bühne. Zu der vom Hammerskin Andreas Koroschetz (Gesang) im Jahr 2000 gegründeten Band zählen aktuell noch die bereits genannten Neumann, Weßler und Gerstenberger sowie Gitarrist Martin Böhne (Hamm). Bekannt ist Böhne auch als Mitglied einer weiteren beliebten RechtsRock-Größe, die in Themar zum Line-Up zählte. So gehört er seit mehreren Jahren zur festen Belegschaft von Sleipnir um dessen Frontmann Marco Bartsch (ehemals Marco Laszcz) aus dem Kreis Gütersloh (NRW, vgl. Lotta #54). Neben Bartsch, Böhne und wiederum Gerstenberger komplettierte ein recht junges Gesicht der NRW-RechtsRock-Szene den Sleipnir Auftritt. Der Anfang 20-jährige Dominik Burcek aus dem Raum Gütersloh vertritt seit kurzem den eigentlichen Sleipnir-Bassisten Dennis Linsenbarth (Kreis Unna/NRW), der aus gesundheitlichen Gründen eine Bandpause einlegt. Burcek ist darüberhinaus seit Anfang 2017 Gitarrist der aus dem Rheinland stammenden RechtsRock-Band Flak, die am 15. Juli in Themar ebenfalls zum Bühnenprogramm zählte. Frontmann Neumann gehört mit Bassist Erik Höllger (Landkreis Ahrweiler/RLP) zu den Gründungsmitgliedern der Band, die mit Schlagzeuger Tim Schmädicke auch ein festes Mitglied aus Sachsen-Anhalt aufweist (vgl. Lotta #65).

Kleiner Kreis

Die Zusammenstellung der Bandmitglieder steht exemplarisch für eine Entwicklung in der nordrhein-westfälischen RechtsRock-Szene, die sich zunehmend an wenigen erfahrenen Protagonisten orientiert. So sind die Genannten auch in weitere RechtsRock-Bands wie Oidoxie um Marko Gottschalk (Dortmund/NRW) oder der Neonazi-Skinhead-Combo Smart Violence involviert (vgl. Lotta #66). Böhne und Gerstenberger spielten nur zwei Wochen nach dem „Rock gegen Überfremdung II“ erneut in Themar auf. Diesmal mit der Band Sturmwehr um Sänger Jens Brucherseifer (Gelsenkirchen/NRW) beim „Rock für Identität“ vor rund 800 BesucherInnen, das federführend von FSN-TV „Moderator“ Patrick Schröder organisiert wurde.

Dass innerhalb von RechtsRock-Bands neue Projekte entstehen, sich bei Liveauftritten ausgeholfen wird und eine Zugehörigkeit zu mehreren Bands besteht, ist kein neues Phänomen. Bezeichnend ist aber, dass sich der Kreis an Musikern, die das Geschehen im RechtsRock-Band-Business in NRW prägt, zunehmend auf wenige zentrale Personen konzentriert. Von Bedeutung innerhalb dieses Kreises scheint auch zunehmend das Netzwerk der „Hammerskins“ zu sein, die in den letzten Jahren ihre Strukturen in NRW ausgebaut haben. So finden sich neben Division Germania, die mehrere „Hammerskin“-Mitglieder aufweisen, auch bei den Bands Flak und Smart Violence personelle und strukturelle Bezüge zum Netzwerk der rassistischen „Bruderschaft“.

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