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„Nordischer Widerstand“ auf dem Vormarsch

Die Neonazi-Bewegung in Schweden wächst und gedeiht
Foto: Redox

Seit dem Untergang der „Svenskarnas parti” („Partei der Schweden”, SvP) existieren in Schweden nur noch drei nennenswerte Organisationen in der Neonazi-Szene: die „Nordiska motståndsrörelsen“ („Nordische Widerstandsbewegung“, NMR), die „Nordisk Ungdom“ („Nordische Jugend“, NU) sowie „Blood and Honour“ (B&H). Dennoch wächst die Neonazi-Bewegung und zieht neue Mitglieder aller Altersgruppen an. Antifaschist_innen müssen sich mit dieser neuen Situation auseinandersetzen.

Der folgende Artikel soll über die Entwicklung und den aktuellen Stand neonazistischer Organisierung in Schweden informieren.

Im Mai 2015 beschloss die SvP ihre Selbstauflösung, da sie an ihren Zielen bei den Wahlen 2014 gescheitert war. Die Stimmen, mit denen die SvP gerechnet hatte, gingen stattdessen an die rechtspopulistische Partei Sverigedemokraterna (Schwedendemokraten, SD), einer Partei, die viele Gemeinsamkeiten mit der Alternative für Deutschland (AfD) hat. Somit bleiben der Neonazi-Szene nur noch die erwähnten drei größeren Strukturen. Während die NMR in ganz Schweden aktive „Sektionen“ unterhält, haben sowohl B&H als auch die NU nur eine Handvoll aktiver Mitglieder, B&H vor allem in Südschweden, die NU in erster Linie in Stockholm.

Die „Nordische Jugend“

Die NU ist vor allem für medienwirksame Öffentlichkeitsaktionen bekannt. Ideologisch ist sie mit der Identitären Bewegung zu vergleichen, hinzu kommen konservative und katholischen Tendenzen. Sie ist ausschließlich in Stockholm aktiv, nachdem sie ihre wenigen Aktivisten in anderen Städten verloren hat. Die NU bildete früher eines der Verbindungsglieder zwischen der völkisch-nationalistischen Bewegung und der rechtspopulistischen SD, die jedoch die Zusammenarbeit mit ihrer eigenen Jugendbewegung beendet hat, was auch das Ende ihrer Funktion als Verbindungsglied bedeutete. Während der letzten zwei Jahre widmete sich die NU insbesondere Aktivitäten in der Nähe von Migranten_innenunterkünften und Protestaktionen gegen die LGBTQ-Bewegung im Zusammenhang mit der Stockholmer Pride Parade. Sowohl 2016 als auch 2017 versuchten 15 Mitglieder der NU, die Parade zu blockieren. Beide Male waren sie nicht erfolgreich, erreichten aber eine hohe mediale Aufmerksamkeit. Einige Tage später nach dem Blockadeversuch 2017 warfen NU-Aktivist_innen Feuerwerkskörper auf eine Flüchtlingsdemonstration, während sie diese filmten und provozierten.

B&H Schweden

B&H ist 2017 ein Schatten seiner selbst. Aktuell organisieren sie lediglich einige Konzerte, die vor allem Neonazis anlocken, die politisch nicht aktiv sind. Im August 2017 fand ein Konzert in einer kleinen Stadt in Schonen statt, das offenbar von deutschen B&H-Mitgliedern organisiert wurde. Nach einigen Jahren der Inaktivität, geplagt von internen Konflikten und Misstrauen der restlichen Neonazi-Bewegung, wurde B&H in den Jahren 2012 und 2013 wiederbelebt, zunächst mit kleinen Konzerten. Aktuell organisieren sie sowohl interne als auch halböffentliche Konzerte. Seit ihrer Wiederbelebung wurde B&H jedoch nur einmal auf der Straße gesehen: auf einer Demonstration der Danmarks Nationale Front (Dänemarks Nationale Front) in Kopenhagen im Mai 2014. B&H Skandinavien ist jedoch nach wie vor international gut vernetzt. In Schweden wurden B&H-Mitglieder aus den meisten anderen europäischen Ländern gesichtet.

Die „Nordische Widerstandsbewegung“

Die größte Veränderung der letzten Jahre in der schwedischen Neonazi-Szene stellt das Anwachsen der NMR nach der Auflösung der SvP dar. Die NMR wurde 2012 dadurch bekannt, dass einige ihrer Aktivisten einen Mord begingen und etwa ein Jahr später ein antirassistisches Treffen in Kärrtorp, einem Stockholmer Vorort, angriffen. Nach Kärrtorp nahmen rund 15.000 Personen an einer anti-rassistischen Demonstration teil. Es begann eine neue Welle antifaschistischer Organisierung, die von einer breiten Debatte über gewaltbereiten Rechtsextremismus begleitet wurde.

Die NMR überstand die Gefängnisstrafen, zu denen ihre Aktivisten verurteilt wurden, und gewann neue Mitglieder sowohl aus dem harten Kern der Neonazi-Bewegung als auch der rechtspopulistischen beziehungsweise antiislamischen Szene. 2016 organisierten sie eine Mai-Demonstration in Borlänge und am 12. November 2016 in Stockholm mit rund 700 Teilnehmer_innen ihre bislang größte Demonstration.

Eine Welle der Gewalt

Am Vortag der Demonstration in Stockholm explodierte eine Bombe vor einem linken Café in Göteborg. Im Januar 2017 explodierte eine weitere Bombe vor einer Flüchtlingsunterkunft in einem Göteborger Vorort. Eine dritte wurde rechtzeitig gefunden und konnte entschärft werden. Ende Januar 2017 wurden drei Männer verhaftet, die verdächtigt wurden, für diese drei Bomben verantwortlich zu sein. Alle drei waren in der NMR aktiv, einer von ihnen als lokaler Anführer in Göteborg. Die Polizei fand die DNA eines der Männer auf der ersten Bombe, ein anderer hatte den Sprengstoff für den Bau der beiden anderen Bomben beschafft. Im Juli 2017 wurden alle drei wegen fahrlässiger Gefährdung der Öffentlichkeit zu Gefängnisstrafen von 8,5, 5,5 und 1,5 Jahren verurteilt. Sowohl der Staatsanwalt als auch die Angeklagten legten Revision ein. Aufgrund mangelnder Beweise wurden die drei in zweiter Instanz zu 6,5 Jahren, 2,5 Jahren und 22 Monaten verurteilt. Während der Haft erklärten sie ihren Austritt aus der NMR. Diese bestätigte die Austritte und wies gleichzeitig jede Mitverantwortung für die Anschläge von sich.

Weitere Aktionen der NMR

2017 organisierte die NMR erneut eine Mai-Demonstration mit 500 Teilnehmer_innen, dieses Mal in Falun. Zwar konnte sie weniger Teilnehmer_innen als im Vorjahr in Stockholm mobilisieren, für eine Kleinstadt in Mittelschweden handelte es sich aber dennoch um eine recht hohe Anzahl. Für den 30. September 2017 wurde eine weitere Demonstration in Göteborg angemeldet — die erste größere einer rechten Organisation in Göteborg seit dem 2. Weltkrieg. In den Wochen vor dieser Demo erhielt die NMR große Aufmerksamkeit, sowohl auf Grund der Verurteilung der drei Bombenleger, als auch, weil die Polizei die Route der Demonstration verlegte. Die NMR nahm dies zum Anlass, bereits einige Wochen zuvor mit rund 70 bis 80 Personen die für den 30. September verweigerte Route abzulaufen. Die Polizei wurde dafür kritisiert, dass sie die Demonstration nicht verhinderte. Die NMR bekundete selbstbewusst, sie würde ihr Handeln selbst bestimmen, ohne dass die Polizei dagegen etwas tun könne. Vier Tage vor der Demonstration wurde die Route für den 30. September durch das Verwaltungsgericht noch weiter gekürzt. Die NMR kündigte an, diese Entscheidung nicht zu respektieren. Letztendlich nahmen 400 bis 500 Neonazis am Aufmarsch teil. Der Tag war kein Erfolg für die Neonazis, da die Teilnehmer_innenzahl deutlich hinter ihren eigenen Erwartungen zurückblieb und 10.000 Gegendemonstrant_innen auf der Straße waren, die die ursprüngliche Route erfolgreich blockierten.

Die Anfänge der NMR

Die NMR bekennt sich zum Nationalsozialismus, feiert Adolf Hitlers Geburtstag und verkauft revisionistische Bücher in ihrem Online-Shop. Inspirieren lässt sie sich sowohl von amerikanischen Neonazis als auch durch den rumänischen Faschisten Corneliu Codreanu (1899 — 1938) und seine „Iron Guard“, von der sie die Organisationsstruktur, die fanatischen politischen Ansichten sowie das Erscheinungsbild übernommen haben. Die NMR wurde 1997 unter dem Namen Svenska motståndsrörelsen (SMR, Schwedische Widerstandsbewegung) von Mitgliedern der Nationalen Jugend (Nationell ungdom) sowie ehemaligen Mitgliedern des Vitt Ariskt Motstånd (Weißer Arischer Widerstand) gegründet. Sie bemühte sich in den 1990er Jahren erfolglos um eine rassistische „Revolution“. Ihre Mitglieder wurden stattdessen für mehrere Banküberfälle, mittels derer sie ihre Arbeit finanzieren wollten, zu Gefängnisstrafen verurteilt.

2007 änderte die NMR ihre Taktik und begann, die Öffentlichkeit zu suchen — nach kurzer Zeit vor allem in provokanter Nähe zu Antirassist_innen und linken Aktivist_innen. Wer dagegen protestierte, den griffen sie körperlich an. Als Folge der neuen Taktik wurden einige Antifaschist_innen bei gewalttätigen Übergriffen verletzt.

Die NMR im Aufwind

Nach der Auflösung der SvP war davon auszugehen, dass sich die meisten ihrer Kader der NMR anschließen würden. Diese Erwartung hat sich jedoch bisher nicht erfüllt. Vielmehr sind die meisten heute lediglich in sozialen Medien aktiv und bleiben Demonstrationen fern. Jetzt, im Herbst 2017, ändert sich dies langsam, da sich die NMR um eine breitere Öffentlichkeit insbesondere unter ehemaligen Anhänger_innen und Mitgliedern der Schwedendemokraten bemüht. Ziel ist die Überwindung der seit der Jahrtausendwende bestehenden Konflikte zwischen der NMR und anderen Organisationen. So bemüht sich die NMR nun vor allem um diejenigen, die nicht in allen Punkten mit den politischen Positionen der NMR übereinstimmen. Noch vor fünf bis zehn Jahren wäre dies undenkbar gewesen. Zwar geht damit keine Veränderung ihrer politischen oder radikalen Positionen einher, doch ist die NMR mit dieser Strategie sehr erfolgreich. Teil dieser Strategie war auch der Rücktritt des Anführers der NMR, Klas Lund, im Jahr 2015. Er wurde durch den wesentlich jüngeren Simon Lindberg ersetzt. Lindberg war lange Zeit in der Nationalsozialistischen Front aktiv, bevor er 2009 der NMR beitrat. Er hat das Ziel, die Kaderorganisation NMR in eine Massenbewegung zu verwandeln und scheint damit erfolgreich zu sein. Bei den Wahlen 2014 erhielten zwei führende NMR-Mitglieder, die für die Schwedendemokraten antraten, Nachrückmandate. Sie kündigten die Gründung eines parlamentarischen Flügels der NMR an, der bei den Wahlen 2018 antreten soll. Bislang haben sie Kandidaten in drei Städten benannt. Einer der Kandidaten ist Bo Nilsson. Er war Gründungsmitglied bei den Schwedendemokraten, verließ die Partei aber 1999.

Internationale Kontakte der NMR

Bereits die SvP hatte eine Vielzahl an internationalen Kontakten. Der einstige Parteiführer ist der Vorsitzende der Alliance for Peace and Freedom (AFP, Allianz für Frieden und Freiheit), die extrem rechte Parteien in Europa — wie NPD, Chrysi Avgi und Forza Nuova — vereinigt. Die Herausgeber der NMR-Parteizeitung Motgift (Gegengift) machten ihr Blatt in den letzten Jahren zu einem Medienprojekt, das eng mit der AFP und ihrem Stiftungsprojekt Europa Terra Nostra verknüpft ist. Sie veröffentlichen Bücher und Podcasts, darüber hinaus bieten sie ein Online-Forum für schwedische Aktivist_innen an. Versuche, dieses zu einem eigenen Social-Media-Projekt auszubauen, scheiterten an mangelndem Interesse. 2017 nahm die NMR an Demonstrationen in Ungarn und Deutschland teil. Im August 2017 entsandte sie eine Delegation zum Rudolf-Heß-Gedenkmarsch in Berlin und hielt dort eine Rede.

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