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Der „Knast“ in Frankfurt

Die Geschichte des ehemaligen Polizeigefängnisses im Klapperfeld

In der Diskussion um angeblich „rechtsfreie Räume“ der „linken Szene“ rund um den G20-Gipfel geriet 2017 auch das linke Zentrum im ehemaligen Polizeigefängnis im Klapperfeld in Frankfurt ins Visier. Hierbei wurde zeitweise ausgeblendet, dass hier ein Gedenkort geschaffen worden war, an dem die Geschichte des Hauses kritisch aufgearbeitet wird. Das Gefängnis wurde während der NS-Zeit von der Gestapo genutzt — und später unter anderem als Abschiebegefängnis.

Nachdem der Initiative Faites votre jeu! das ehemalige Polizeigefängnis von der Stadt Frankfurt als Ersatz für das besetzte Jugendzentrum (JUZ) Bockenheim angeboten worden war, entschied sich die Initiative Anfang 2009 nach längerer Diskussion dafür, diese Angebot anzunehmen. Sie betonte aber, dass die „Nutzung des Gebäudes nur bei einer kritischen Auseinandersetzung mit der über 115-jährigen Geschichte des ehemaligen Polizeigefängnisses stattfinden“ könne. Anfangs wurden die Chancen auf eine erfolgreiche Recherche über die Geschichte des Polizeigefängnisses als sehr gering eingestuft. Doch letztendlich wurde in vielen Bibliotheken und Archiven Beachtliches recherchiert. Unter anderem wurden die Namen von 482 Personen ermittelt, die während der NS-Zeit im Klapperfeld eingesperrt waren, von 76 der Personen wurden bibliografische Daten zusammengetragen. Diese Biografien sind heute Teil einer Dauerausstellung über die Geschichte des Gebäudes. Einige Zellen wurden in ihrem Zustand belassen. Hier sind noch Texte, Inschriften und Wandmalereien an den Mauern zu sehen, die inhaftierte Menschen — vor allem Abschiebegefangene — hinterlassen haben. Vieles hiervon wurde übersetzt und dokumentiert. Das Ergebnis findet sich in der Broschüre zur Ausstellung „Raus von hier“.

Vor dem Bau — der Erste Weltkrieg

Die Geschichte des Ortes beginnt schon vor dem Bau des Gefängnisses. An der Stelle des heutigen Gebäudes wurde im Jahr 1492 ein Haus zur Unterbringung pestkranker Menschen gebaut. Diese Einrichtung begründet auch den Straßennamen „Im Klapperfeld“, da die hier untergebrachten Menschen Glöckchen oder Ähnliches um das Fußgelenk trugen und somit durch das Klingeln oder eben Klappern schon von weitem zu hören waren. 1886 wurde auf dem Areal schließlich der Bau des Polizeigefängnisses und des benachbarten Polizeipräsidiums fertiggestellt und in Betrieb genommen. 1916 verschärften sich die dortigen Haftbedingungen auf Grundlage des „Gesetzes betreffend die Verhaftung und Aufenthaltsbeschränkung auf Grund des Kriegszustandes und des Belagerungszustandes“. Dieses ermöglichte die Verhängung einer „Schutzhaft“. Während des Krieges wurde das Gesetz vor allem zur Niederschlagung von Demonstrationen und Streiks angewendet. Im Jahr 1919 spielte es unter anderem bei der Verfolgung von Kommunist*innen eine Rolle.

Nutzung durch die Gestapo

Mit dem Reichserlass vom 14. Dezember 1937 über eine „vorbeugende Verbrechensbekämpfung durch die Polizei“ konnten alle Menschen, die der NS-Ideologie zufolge als „gemeinschaftsfremd“ klassifiziert wurden, überwacht, in Haft genommen oder in Konzentrationslager deportiert werden. So waren die Gründe für die Inhaftierung willkürlich und spiegelten sich auch im Klapperfeld wider. Neben Menschen, die auf Grundlage rassistischer und antisemitischer Kriterien hier eingesperrt waren, wurden auch politische Häftlinge und „Asoziale“ im Klapperfeld inhaftiert.

Während der Reichspogrome im November 1938 wurden zahlreiche jüdische Männer bis zu ihrer Deportation — zumeist nach Buchenwald oder Dachau — im Klapperfeld eingesperrt. Für jüdische Menschen wurde — spätestens 1940 — eine eigene Abteilung eingerichtet. In dieser „Judenabteilung“ wurden vor allem Frauen aus „Mischehen“ eingesperrt. Überlebten diese den Gefängnisaufenthalt, wurden sie in gesonderten Transporten zumeist nach Auschwitz deportiert. In dieser Abteilung waren die Haftbedingungen besonders miserabel. Inhaftierte wurden innerhalb eines Raumes in Käfige gesperrt, in denen sie sich kaum bewegen konnten. In den Raum fiel kaum Licht. Die Eingesperrten mussten teilweise über Monate ohne jegliche Beschäftigung verbringen. Herrschte Überfüllung, wurden auch zwei Menschen zusammen in einen Käfig gesperrt.

Permanent überbelegt — 1942 bis 1945

Die Verhältnisse spitzen sich ab 1942 zu. Das Gefängnis, dessen Häftlinge unter permanenter Angst vor den brutalen Methoden der Gestapo litten, war nun permanent überbelegt. 1942 wurden in Frankfurt zwei „Notgefängnisse“ eröffnet. Ab 1943 wurde zusätzlich das „Arbeitserziehungslager“ Heddernheim als erweitertes Polizeigefängnis genutzt. Das als Hinrichtungsstätte der Gestapo bekannte Lager wurde auch als KZ Rhein-Main bezeichnet. Ab August 1944 wurde das „Erweiterte Polizeigefängnis für Frauen“ in der Nähe von Hirzenhain im Vogelsberg errichtet. Die Anzahl der Gefangenen stieg jedoch derart, dass die zusätzlichen Haftanstalten keine wirkliche Entlastung für das Gefängnis im Klapperfeld darstellten. Die Überbelegung, verbunden mit den miserablen hygienischen Bedingungen, führte dazu, dass viele Krankheiten ausbrachen. Hinzu kam, dass viele Gefangenen hungern mussten, da auch die Küche nicht für diese Belegung ausgelegt war. Darüber hinaus hatten viele Häftlinge nur noch unzureichende Bekleidung. 1944 drohte ein Gefängnisarzt, nicht unter diesen dramatischen Umständen arbeiten zu wollen, da er die Verhältnisse für unzumutbar hielt. Als im März 1945 die amerikanischen Truppen immer näher kamen, wurde das Klapperfeld „evakuiert“. Am 24. März 1945 wurden 49 Frauen in das Arbeitserziehungslager in Hirzenhain verschleppt. Auf dem Weg konnten fünf von ihnen fliehen. Bereits zwei Tage später wurden die übrigen 44 zu einem vermeintlichen „Entlassungstransport“ gesammelt, dieser ging jedoch nur bis zu einem Waldstück in der Nähe des Ortsrandes. Dort wurden sie noch am gleichen Tag von der Gestapo erschossen und in einer Grube verscharrt, ebenso wie 43 weitere Frauen und Männer aus dem Arbeitserziehungslager. Am 25. März 1945 wurden alle Frankfurter Gefängnisse geräumt und die Insassen auf einen langen Fußmarsch geschickt, den die wenigsten überlebten. Vier Tage später befreiten die amerikanischen Truppen Frankfurt.

Nutzung nach 1945

Nach 1945 wurden im Klapperfeld auch „entwichene Fürsorgezöglinge“ inhaftiert, zumeist männliche Ausreißer zwischen 14 und 18 Jahren. Ausreißerinnen drohte dies nur bei „renitentem“ Verhalten. Die Dauer der Haft sollte nicht mehr als drei Tage betragen, in einzelnen Fällen waren es aber über sechs Wochen. Der letzte bekannte Fall ist aus dem Jahr 1961. Ebenfalls ab Mitte der 1940er Jahre wurden Menschen bei oder nach Demonstrationen im Klapperfeld inhaftiert. Während der Studierendenprotesten in den 1960er Jahren und während der Proteste gegen die Startbahn West gewann das Polizeigefängnis eine zunehmende Bedeutung als Gefangenensammelstelle für in Gewahrsam genommene Demonstrant*innen. Am 28. September 1985 kam es in Zuge einer NPD-Veranstaltung im Gallus-Viertel zu Protesten, bei den der Antifaschist Günter Sare von einem Wasserwerfer überfahren und getötet wurde. An diesem Tag waren zeitweise über hundert Demonstrant*innen im Klapperfeld in Gewahrsam. Einer Gruppe Inhaftierter gelang es, in einer Sammelzelle im zweiten Stock die Bänke aus der Wand zu reißen und hiermit ein Loch in die Außenwand zu schlagen. Die Polizei beschoss daraufhin die kaputte Gefängniswand mit einem Wasserwerfer und Tränengas. Auch nach einer spontanen Demonstration am 29. Mai 1993 wurden 63 Demonstrierende festgenommen und ins Klapperfeld gebracht. Die Demonstration fand in Reaktion auf den Solinger Brandanschlag statt, bei dem fünf Menschen von rechten Jugendlichen und Heranwachsenden ermordet worden waren (vgl. Lotta #50). Zur letzten größeren Inhaftierung im Rahmen einer Demonstration kam es am 1. Mai 2001, als in Frankfurt mehrere tausend Menschen erfolgreich einen neonazistischen Aufmarsch verhinderten. Der überwiegende Teil der 110 in Gewahrsam genommenen Nazigegner_innen wurde ins Klapperfeld gebracht.

Ein weiteres Kapitel der Geschichte des Klapperfelds ist die Inhaftierung homosexueller Männer in den 1950er Jahren. Nachdem 1950 der Paragraf 175 wieder zur Anwendung gekommen war, startete in Frankfurt eine bundesweit beispiellose Verfolgung Homosexueller. 200 Männer wurden in Gewahrsam genommen, 75 von ihnen im Klapperfeld; ein Betroffener saß hier acht Monate in U-Haft. Ende 2018 soll die Dokumentation „Das Ende des Schweigens“ in die Kinos kommen, die sich mit diesem Hintergrund auseinandersetzt. Teile dieses „Films über die Frankfurter Homosexuellenprozesse 1950-51“ wurden im Klapperfeld gedreht.

Bis zu seiner Schließung wurde das Klapperfeld auch als Abschiebegefängnis genutzt. Ab den 1980er Jahren, vor allem aber nach der Änderung des „Ausländergesetzes“ 1990 und der faktischen Abschaffung des individuellen Grundrechts auf Asyl 1993, wurden immer häufiger Menschen in Abschiebehaft genommen, was sich auch im Klapperfeld widerspiegelte. Frankfurt galt und gilt, auch wegen des Flughafens, als zentraler Abschiebeknotenpunkt. Somit wurde das Klapperfeld auch Zwischenstation für Abschiebehäftlinge aus anderen Bundesländern.

Das Ende — und der Anfang

Bereits Ende der 50er Jahre war über eine mögliche Schließung des Klapperfelds diskutiert worden, da die Haftbedingungen nicht den Mindestanforderungen entsprachen. Doch erst, nachdem im Jahr 2000 ein Bericht des Europäischen Komitees zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe (CPT) die Haftbedingungen bemängelt hatte, tat sich etwas. Das Polizeigefängnis im Klapperfeld wurde im November 2001 offiziell geschlossen. Offenbar wurden dort jedoch weiterhin Menschen eingesperrt. Graffiti in einigen Zellen sind auf die Jahre 2002/2003 datiert und werfen die Frage auf, was in den beiden Jahren nach der offiziellen Schließung hinter den Mauern passiert ist.

Sechs Jahre später, im April 2009, zog dann die Initiative Faites votre jeu! im Klapperfeld ein. Heute ist das Klapperfeld Ort für unterschiedlichste Veranstaltungen, Vorträge, Partys und Konzerte. Neben der im August 2009 eröffneten Dauerausstellung zur Geschichte des Polizeigefängnisses werden auch regelmäßig weitere Ausstellungen präsentiert. Des Weiteren ist das Klapperfeld ein Treffpunkt für politische Gruppen geworden. Dies rückte das Klapperfeld in den Fokus, als vor dem Hintergrund des G20-Gipfels in Hamburg gegen linke Zentren gehetzt wurde. Doch das Klapperfeld ist aufgrund seiner geschichtlichen Bedeutung und der durch die Initiative betriebenen Aufarbeitung ein wichtiger Gedenkort in Frankfurt geworden, was auch von Teilen der Stadtöffentlichkeit anerkannt wird. Nicht zuletzt hiermit konnte den Anfeindungen und der Bedrohung etwas entgegengesetzt werden.

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