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Rechte Egoshooter

Der Täter aus Halle, der am 9. Oktober 2019 von einer Tür davon abgehalten wurde, in der Synagoge Jüdinnen_Juden zu erschießen und stattdessen zwei andere Menschen tötete, streamte seine Tat und verbreitete Schriften dazu im Netz.

Er bezog sich auf Täter bestimmter anderer Anschläge, hasste Frauen und Jüdinnen_Juden, hat sich im Internet radikalisiert und mit seiner Tat auch eine neue Debatte über digitale Spiele und reale Gewalt ausgelöst. So lässt sich „Halle“ im Nachgang zusammenfassen. Diese einzelnen Aspekte sind aber auch Ausgangspunkte für die Texte des Sammelbands „Rechte Egoshooter“ von Jean-Philipp Baeck und Andreas Speit. Trotz des eher reißerischen Titels beleuchten die insgesamt neun Autor_innen die einzelnen Aspekte unaufgeregt sachlich und mit ihrer jeweiligen Expertise. Den ideologischen Hintergründen speziell widmen sich zwei Kapitel: Veronika Kracher liefert den Kontext der „Incels“, der involuntary celibates, der „unfreiwillig Zölibatären“, die in Online-Communitys ihrem Frauenhass frönen, diesen aber auch immer wieder im realen Leben ausleben. In den Verlautbarungen des Täters von Halle finden sich Begriffe und Inhalte, die eine Verbindung zu diesem Milieu herstellen. Antifeminismus ist Teil seiner Ideologie, in enger Kopplung mit Antisemitismus und Rassismus. Um den Antisemitismus in seinem Weltbild geht es im Text von Andreas Speit. Historisch wie aktuell analysiert er zusammenfassend die Verschränkung der Feindbilder „Frau“ und „Jude“.
Um die Debatte rund um „Halle“ jenseits von Klischees und Küchenpsychologie zu betrachten und fundiert weiterzuführen, stellt der gut zu lesende Sammelband die optimale Grundlage dar. Lediglich die Form des Genderns — das „generische Maskulinum“ — erschwert die Lesbarkeit und unterbricht immer wieder den Lesefluss.

Jean-Philipp Baeck, Andreas Speit (Hg.):
Rechte Egoshooter. Von der virtuellen Hetze zum Livestream-Attentat
Ch. Links Verlag, Berlin 2020
208 Seiten, 20 Euro

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