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Tief im Westen

Strukturen der „Hammerskins“ in NRW
Teile des "Chapter Rheinland" bei der Anreise zu einem Hammerskin-Treffen 2019
Foto: Exif-Recherche
Teile des "Chapter Rheinland" bei der Anreise zu einem Hammerskin-Treffen 2019

Im Sommer 2021 konnten nach langjähriger antifaschistischer Recherche die bundesweiten Strukturen und das Netzwerk der konspirativ agierenden „Hammerskin Nation“ (HSN) offengelegt werden. Unter den 13 aktuell aktiven Chaptern der militanten neonazistischen Skinhead-„Bruderschaft“ sind zwei aus NRW: das „Chapter Westfalen“ und das „Chapter Rheinland“.

Die „Hammerskins“ sind eine der ältesten und beständigsten Neonazi-Organisationen in Deutschland. Das seit über 30 Jahren bestehende Netzwerk versteht sich als eine „Bruderschaft“ und als „Elite“ der Neonazi-Szene. Ihre straffe Organisation in regionale Chapter ist Teil einer international eingeschworenen Gemeinschaft, die sich Hammerskin Nation (HSN) nennt und von Europa in die USA und bis nach Neuseeland reicht. Ihre Mitglieder sind treibende Kräfte innerhalb der militanten Neonazi-Szenen. Der Wirkungsbereich der „Hammerskins“ umfasst sowohl Profit und Politik durch RechtsRock als auch die Vorbereitung auf den „Tag X“ und Schießtrainings im In- und Ausland — bis hin zu Terroranschlägen.

In Nordrhein-Westfalen existierte lange Zeit kein eigenständiges Chapter der HSN. Nichtsdestotrotz agieren schon seit vielen Jahren „Hammerskins“ im bevölkerungsreichsten Bundesland, und in den letzten Jahren kam es zu einem Ausbau der Strukturen durch Gründung eigener Ableger.

„Alter Herr“

Der in Bochum lebende Hendrik Stiewe ist mittlerweile einer der wichtigsten „Hammerskins“ in Deutschland und nimmt seit fast 20 Jahren Einfluss auf die internationale Neonazi-Musikszene. Stiewe lebte und agierte lange Zeit in Bielefeld und schloss sich Mitte der 2000er Jahre dem Chapter Bremen an. Während seines Studiums der Rechtswissenschaften an der Universität Bielefeld war er zudem in der extrem rechten Burschenschaft Normannia-Nibelungen aktiv, der er bis heute als „Alter Herr“ angehört. Über die Adresse der Normannia war Stiewe auch zeitweise mit seinem RechtsRock-Label und Versand Wewelsburg Records erreichbar, das sich schnell zum Aushängeschild der deutschen „Hammerskins“ entwickelte. 2013 gab Stiewe Wewelsburg Records offiziell ab. Hintergrund dessen war, dass die deutschen „Hammerskins“ zu dieser Zeit ein Verbot befürchteten. Sie wollten ihre Unternehmen, Gelder und Materialien dadurch in Sicherheit bringen, indem sie diese Personen übergaben, die keinen vollwertigen Mitgliedsstatus bei den „Hammerskins“ inne hatten. Stiewe ist jedoch weiterhin im Hintergrund tätig, pflegt die Kontakte zu den Bands und entscheidet über die Veröffentlichungen auf Wewelsburg Records. Zudem baute er sich über die Jahre ein lukratives Geschäft mit dem Vertrieb von in Deutschland strafbaren Vinyl-Produktionen auf; Konspirativ abgewickelte Labels ohne legale Geschäftsstruktur und ohne Kontaktadresse. In seinem Sortiment befinden sich Produktionen von Adolf Hitler Records und Irma Grese Musik. Letzteres Label ist benannt nach einer durch ihre Grausamkeit berüchtigten SS-Aufseherin in Konzentrationslagern wie Auschwitz-Birkenau und Ravensbrück.

Wenn auch nicht namentlich benannt, geriet Hendrik Stiewe im Juli 2019 in die Schlagzeilen. So kam ans Tageslicht, dass ein „Mitglied der Hammerskins“ über zwei Jahre bei einer Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BaMF) als Bürosachbearbeiter tätig war. Laut Medienberichten soll er zwar nicht über Asylanträge entschieden haben, aber „die Behörde konnte bis zuletzt kaum nachvollziehen, welche Mitarbeiter Zugriff auf sensible Daten haben“. Stiewe scheint auch weiterhin an einer beruflichen Karriere in der öffentlichen Verwaltung festzuhalten. Darauf deutet auch, dass er in den letzten Jahren zusätzliche Weiterbildungsmaßnahmen absolvierte.

Bochumer Clique

Im Jahr 2013 verzog Stiewe nach Bochum. Während er in Bielefeld kaum noch soziale Kontakte zur lokalen neonazistischen Szene pflegte, wohnten in Bochum zum Zeitpunkt seines Umzugs schon drei seiner „Brüder“. Mit ihnen bildete er schließlich kurze Zeit später das Chapter Westfalen, dem heute an die 15 Personen zugerechnet werden. Die Geschichte der Bochumer um Mario Garcia Barrenada, Stefan „Zahni“ Held und Keith Klene (ehemals Hufski), die sich als eine Clique um 2010 der HSN zuwandten, ist für „Hammerskins“ nicht untypisch. Weder gibt es nachvollziehbare Informationen darüber, wie sie Zugang zu dem verschlossenen Zirkel der „Bruderschaft“ gefunden haben, noch sind sie als „altgediente Aktivisten“ der Neonazi-Szene bekannt.

Erstmals im Kontext der „Hammerskins“ fielen die drei 2011 auf, als sie bereits „Prospects“ beim Chapter Bremen waren. Dort entwickelten sie rege Aktivitäten und profilierten sich durch die Organisation von Treffen und Feiern. Mit Gründung des Chapters Westfalen im Jahr 2014 stießen weitere Neonazis hinzu. Darunter unter anderem Martin Heise aus Wetter (Ruhr) im Ennepe-Ruhr-Kreis und die beiden Brüder Dominik Damm und Alexander Damm aus Bochum. Neben der Bochumer „Hammerskin“-Clique war es insbesondere der Dortmunder Dennis Roskos, der die Gründung des Chapter Westfalen vorantrieb, der auch für die bundesweite Kommunikationsstruktur der „Hammerskins als Ansprechperson gilt. Roskos stammt aus der Skinhead-Szene im Sauerland und fand Ende der 2000er Jahre Anschluss bei den „Hammerskins“.

Umfeld und RechtsRock

Neben den Vollmitgliedern bewegen sich zudem Neonazis im direkten Umfeld des Chapters Westfalen und gelten demnach als Unterstützer. Etwa der aus Castrop-Rauxel stammende Peter Michels, genannt „Piet“. Seit Jahren zählt er zum Kern der Dortmunder Neonazi-Szene, tritt aber seit vielen Jahren auch als umtriebiger Musiker im Bereich RechtsRock in Erscheinung, unter anderem bei Libertin oder als Sänger von Projekt Chaos. In jüngster Zeit konnte eine direkte Einbindung von Projekt Chaos bei den „Hammerskins“ beobachtet werden. So befand sich die Band unter anderem als Special Guest im Programm des „White X-Mas“-Konzerts der „Nation“ am 9. Dezember 2017 in Schwerte (Ennepe-Ruhr-Kreis/NRW). Dieses Konzert war nicht das einzige, das die „Hammerskins“ in den letzten Jahren in Nordrhein-Westfalen organisierten. Schon am 18. Oktober 2014 führte die „Bruderschaft“ in Schwerte ein RechtsRock-Konzert durch. Auch ein für den 12. November 2016 geplantes Konzert in Paderborn sollte unter Beteiligung der HSN stattfinden. Kurz vor Beginn löste die Polizei die Veranstaltung jedoch auf.

„Chapter Rheinland“

Das seit etwa 2017 bestehende Chapter Rheinland im südwestlichen Teil von NRW zeichnet sich durch den Kern seiner Aktivitäten im Bereich der neonazistischen Musikwelt aus. Eine Kristallisationsfigur ist Andreas Koroschetz. Seine Band Division Germania zählt zu den führenden „Hammerskin“-Bands in Deutschland. Alle Mitglieder des Chapters besitzen eine direkte Verbindung zu Koroschetz — vor allem über gemeinsame RechtsRock-Projekte, aber auch über politische Strukturen, in denen Koroschetz in der Vergangenheit aktiv gewesen ist. Eine verlässliche Konstante bei den Musik-Projekten von Koroschetz ist Matthias Weßler, derzeit lebend in Grevenbroich (Rhein-Kreis Neuss). Koroschetz und Matthias Weßler sind seit den frühen 2000er Jahren freundschaftlich verbunden und stammen beide aus der regionalen Neonazi-Szene in und um Mönchengladbach. Über das gemeinsame musikalische Wirken mit Koroschetz bei Szene-Kultbands wie Stahlgewitter, Gigi & die Braunen Stadtmusikanten und eben Division Germania fand Matthias Weßler Anschluss an die HSN. Auch Tobias Weßler aus Wegberg (Kreis Heinsberg) — der jüngere Bruder von Matthias Weßler — kann seit Mitte der 2010er Jahre als Mitglied bei den „Hammerskins“ bezeichnet werden.

Ebenfalls dem Chapter Rheinland zugehörig sind zwei alte Bekannte von Koroschetz aus der rheinländischen Neonazi-Szene: Torsten Mols aus Grevenbroich und Richard Hoffmann, genannt „Richie“ aus Dormagen (Rhein-Kreis Neuss). Mols war wie Koroschetz Mitte der 2000er Jahre in den Parteistrukturen der NPD aktiv und darüber hinaus regelmäßig als Teilnehmer und Ordner auf neonazistischen Aufmärschen zu sehen. Auch Hoffmann ist ein alter Weggefährte von Koroschetz und gehörte Anfang der 2000er Jahre der neonazistischen Szene im Düsseldorfer Süden an, zu der auch Koroschetz enge Kontakte hatte. Wenige Zeit später als Mols und Hoffmann stieß auch Sven Otten, der heute in Wesel lebt und in den 2000er Jahren in der niederrheinischen Neonazi-Szene aktiv war, zu den „Hammerskins“.

Mit Philipp Neumann, genannt „Phil“, aus dem rheinland-pfälzischen Bad Neuenahr-Ahrweiler — wenige Kilometer von der NRW-Grenze entfernt — ist ein weiterer wichtiger Akteur der RechtsRock-Szene um das Jahr 2015 zu den „Hammerskins“ gestoßen. Neumann gründete 2007 die Band Flak, die sich in den Folgejahren zu einer in der Neonazi-Szene beliebten und als „authentisch“ geltenden Band entwickelte. Bevor er seine „Karriere“ als Musiker begann, gehörte er seit Mitte der 2000er Jahre zur militanten Neonazi-Szene im Raum Bonn und war einer der ursprünglich 33 Beschuldigten im Verfahren wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung gegen das Aktionsbüro Mittelrhein (ABM) vor dem Koblenzer Landgericht. Von der Anklagebank in Koblenz hin zu den „Hammerskins“ führte es auch den in Bad Neuenahr-Ahrweiler wohnhaften Norman Petrat. Im Zusammenhang mit der HSN fiel er zum ersten Mal im März 2017 auf. An Personen wie Petrat und auch Neumann zeigt sich, dass es die „Hammerskins“ einmal mehr geschafft haben, Mitgliedern verbotener oder zerschlagener Organisationen eine neue politische Perspektive zu bieten — abgeschottet von der Szene, mit der „Bruderschaft“ als „Lebensbund“.

Aus der Anonymität geholt

Die „Hammerskins“ stehen selten im medialen Fokus. Dies liegt unter anderem daran, dass die selbsternannten „Brüder“ kein Interesse an Aufmerksamkeit haben. Im Gegenteil, ihr Verhalten ist äußerst konspirativ, die Struktur abgeschottet und klandestin. Unter öffentlicher Beobachtung zu stehen bedeutet eine mögliche Einschränkung ihrer Handlungsspielräume. Mit der Veröffentlichung der Recherche über die „Hammerskins“ auf der Plattform Exif Recherche kam auch das Treiben in NRW nun endlich ans Tageslicht. Denn der überwiegende Teil der Bochumer Clique führt ein kleinbürgerliches Leben im Bochumer Stadtteil Wattenscheid, zusammen mit ihren ebenfalls aus der rechten Szene stammenden (Ehe-)Partnerinnen. Sie engagieren sich in Sportvereinen und gehen gut bezahlten Jobs nach. Nachdem antifaschistische Gruppen in Bochum die Veröffentlichung aufgegriffen hatten, folgten zumindest für einige Akteure aus dem Chapter Westfalen Konsequenzen. Sowohl Mario Garcia Barrenada — der öffentlich nur als Mario Garcia auftritt — als auch Keith Klene, die bei der Stadt Bochum angestellt waren, wurde fristlos gekündigt. Eine juristische Auseinandersetzung läuft aktuell vor dem Arbeitsgericht in Bochum. Ein Sportverein, bei dem Alexander Damm und seine Ehefrau aktiv waren und unter anderem ein Jugendteam trainierten, positionierte sich umgehend und schloss die beiden aus dem Verein aus. Auch ein Zahnlabor, an dem Stefan Held als Mitinhaber beteiligt war, beendete die Zusammenarbeit mit dem „Hammerskin“.

Die komplette Recherche und die umfangreiche Darstellung der Strukturen und des Netzwerkes der „Hammerskins“ findet sich unter: www.exif-recherche.org

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