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Der Preisträger und sein Blatt

Die evangelikale Wochenzeitschrift „ideaSpektrum“

Helmut Matthies, Chefredakteur von „ideaSpektrum“, dem bedeutendsten Periodikum der evangelikalen Szene, unterhält schon lange Kontakte zum Rechtsaußen-Blatt „Junge Freiheit“. Im vergangenen Jahr hat sich der Austausch zwischen den beiden Publikationen intensiviert.

Welch ein schwerer Schlag: „Real Madrid“, selbst BanausInnen als einer der erfolgreichsten Fußballclubs in Europa bekannt, entfernt das Kreuz aus seinem Vereinswappen. Und warum? Das ist der Hammer: Weil der Verein einen Sponsoren-Deal mit einer arabischen Bank geschlossen hat und viele Muslime „das christliche Symbol als anstößig empfinden“! Die „Junge Freiheit“ (JF) schäumt. Konnte das christliche Abendland bisher wenigstens noch an der Fußballfront Erfolge erzielen, so soll nun wohl auch noch das Toreschießen nicht mehr im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes stattfinden, sondern gnaden- und erbarmungslos islamisiert werden. Der JF ist das natürlich eine aufrüttelnde Meldung wert. Das Textchen erscheint am 5. Dezember 2014 mit der Quellenangabe „JF/idea“: Mit „JF“ ist die „Junge Freiheit“ gemeint, mit „idea“ eine evangelikale Nachrichtenagentur, der „Informationsdienst der Evangelischen Allianz“.

Die offene Kooperation der JF mit „idea“, die sich seit Anfang 2014 intensiviert, ist ein neuer Schritt beim Versuch, die evangelikale Szene in der Bundesrepublik enger mit der politischen Rechten zu verkoppeln. Das verdient Beachtung, denn „idea“ hat durchaus Einfluss auf die evangelikale Szene. Evangelikale – das sind Christinnen und Christen aus den evangelischen Landeskirchen oder aus Freikirchen, die die allermeisten Handlungsanweisungen der Bibel wörtlich nehmen und sich deshalb gern als „Bibeltreue“ bezeichnen. In Deutschland wird ihre Zahl auf 1,3 Millionen geschätzt. Die evangelikale Szene ist fast durchweg sehr konservativ und lehnt Feminismus sowie die Gleichstellung von Nicht-Heterosexuellen prinzipiell ab; der äußersten Rechten steht allerdings nur ein kleiner Teil nahe. „idea“ wiederum versteht sich als Sprachrohr der gesamten Szene und will mit einer entsprechenden Informationsgebung ihren Zusammenhalt stärken. Dazu gibt die Nachrichtenagentur aus Wetzlar seit 1979 die Wochenzeitschrift „ideaSpektrum“ heraus. Auch wenn Insider die offizielle Auflagenzahl von knapp 29.000 Exemplaren für überhöht halten, so ist das Blatt, das in zahlreichen evangelikalen Gemeinden und Hauskreisen von Hand zu Hand geht, doch das einflussreichste Periodikum der gesamten Strömung.

Unglaublich patriotisch

Die Bedeutung der Zeitschrift in der evangelikalen Szene ist der Grund, weshalb die politischen Positionen, die „idea“-Leiter und „ideaSpektrum“-Chefredakteur Helmut Matthies vertritt, nicht ganz unbedeutend sind. Matthies, Jahrgang 1950, entfaltete seine ersten politischen Aktivitäten in den 1970er Jahren. Damals gab es auf dem rechten Flügel des bundesdeutschen Protestantismus starke Widerstände gegen linksliberale oder sogar linke Strömungen in der evangelischen Kirche. 1976 gab Matthies gemeinsam mit dem Pfarrer Jens Motschmann aus Itzehoe ein „Rotbuch Kirche“ heraus, das eine angebliche kommunistische Unterwanderung der evangelischen Kirche nachweisen sollte. Höchst verärgert waren beide Herausgeber insbesondere über die kirchliche Unterstützung für die Anti-Apartheid-Bewegung in Südafrika und für den „African National Congress“ (ANC). „Obwohl ... immer mehr Menschen Süd- und Südwestafrika kennenlernen und zu der Ansicht gelangen, daß dieser Vielvölkerstaat durchaus auf dem Wege der 'getrennten Entwicklung' zu einer friedlichen, gerechten und christlichen Lösung der Probleme kommen kann, haben sich in Deutschland die offizielle Kirche und ihre Institutionen längst auf die Seite der radikalen Gegner des Landes geschlagen“, klagte Matthies im „Rotbuch Kirche“.

Als Matthies 1977 zu „idea“ ging und 1979 „ideaSpektrum“ herauszugeben begann, nahm er von derlei öffentlichen politischen Interventionen Abstand: Sie hätten das Bemühen, „ideaSpektrum“ zu einer strömungsübergreifenden Zeitschrift für die evangelikale Bewegung zu formen, wohl konterkariert. Erst in den 1990er Jahren wurden seine Beziehungen in die äußerste Rechte wieder deutlich erkennbar. Ab 1994 erschienen gelegentlich Artikel unter seinem Namen in der JF, die damals noch Interviews mit NPD-Funktionären druckte; 2005 und 2006 nahm er persönlich am Sommerfest der Wochenzeitung teil. „Wenn man das konservative, das patriotische, das nationalbewußte Deutschland auf einen Schlag entmannen wollte, wenn man das rechtsintellektuelle Denken in Deutschland mit einem Schlag vernichten wollte“, ließ sich der FPÖ-Ideologe Andreas Mölzer beim JF-Sommerfest 2005 auf einem Spreeschiff vernehmen, dann „müßte man eigentlich nur dieses Boot torpedieren“. Beim JF-Sommerfest 2006 hielt Matthies dann eine Rede, in der er sich über „eine positive Wende zurück zu konservativen Werten und mehr Patriotismus“ in Deutschland freute: Es sei eine „unglaublich patriotische Entwicklung, die wir erleben dürfen“, verkündete er.

Entspannter Umgang

In den letzten 15 Jahren hat es immer wieder auch weitere Berühungspunkte zwischen der JF und „ideaSpektrum“ gegeben. So druckte die JF „idea“-Agenturmeldungen ab und brachte Artikel über die evangelikale Szene; „ideaSpektrum“ nahm Themen auf, über die in der JF berichtet worden war, Matthies wurde in der JF sogar persönlich gewürdigt. „Wenn idea Partei ergreift, dann regelmäßig zugunsten derjenigen, die eine Minderheitenauffassung vertreten, in den Landeskirchen isoliert, in den Medien vorverurteilt und der Ausstoßung preisgegeben sind“, schrieb 2009 etwa Karlheinz Weißmann mit Blick auf „Fälle“ wie Eva Herman. Auch habe „idea“ stets einen „entspannten Umgang“ mit der JF gepflegt: „Wesentlich zu verdanken ist diese Klarheit Helmut Matthies“. 2009 erhielt Matthies gar den „Gerhard-Löwenthal-Ehrenpreis", den die JF gemeinsam mit der „Förderstiftung Konservative Kultur und Bildung“ (FKBF) vergibt. Auch umgekehrt öffnen sich die Türen: Im Februar 2009 konnte die JF auf einem „Kongress christlicher Führungskräfte“ in Düsseldorf, den „idea“ alljährlich mitveranstaltet, einen eigenen Informationsstand aufbauen. Zu den Rednern gehörte damals mit dem evangelikalen Unternehmer Friedhelm Loh immerhin ein Vizepräsident des BDI.

Im Mai 2014 ist nun schließlich mit Thorsten Brückner sogar ein Mitarbeiter der JF, der noch im Vorjahr für das Blatt von dem „Kongress christlicher Führungskräfte“ berichtet hatte, direkt in die Redaktion von „ideaSpektrum“ eingetreten. „Schweren Herzens haben wir heute unseren tollen Volontär Thorsten Brückner verabschiedet", postete die JF am 23. Mai 2014 auf Facebook: „Damit verläßt ein exzellenter Journalist die Mannschaft, ist aber nicht aus der Welt, denn er fängt jetzt als Redakteur bei IDEA in Wetzlar an.“ Seither findet man seine Beiträge nicht mehr nur in der JF, für die er unter anderem über GegnerInnen von Schwangerschaftsabbrüchen schreibt, sondern eben auch in „ideaSpektrum“. Ob er hinter den Meldungen steckt, die – wie etwa diejenige über den Untergang des christlichen Abendlandes im Vereinswappen von „Real Madrid“ – unter dem Kürzel „idea/JF“ in der JF erscheinen, ist allerdings nicht bekannt.

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