Die Propaganda benennen und begrenzen. Ein Kommentar zur Besetzung der Dortmunder Reinoldikirche durch Neonazis

„Erfreulicherweise findet die Besetzung bundesweit mediale Erwähnung“, bejubelt die extrem rechte Internetplattform „Dortmundecho“ die Besetzung der Reinoldikirche in der Dortmunder Innenstadt durch Neonazis in der Vorweihnachtszeit. Nicht zuletzt die Berichterstattung in den Medien ist ein wichtiger Teil der Aktion. „Eine Weiterverbreitung ist ausdrücklich erwünscht“ betont die Seite unter dem auf der Seite veröffentlichte Aktionsvideo.

Sei es die Reinoldikirche oder das Brandenburger Tor, für die Öffentlichkeit gilt es, aus den Aktionen der extremen Rechten und der Neonazis zu lernen. Die Reichweite der politischen Provokation lässt sich begrenzen, wenn über solche Ereignisse weniger bildhaft berichtet wird und stattdessen die Hintergründe analysiert werden. Die AktivistInnen der extremen Rechten suchen intensiv nach Möglichkeiten, sich und ihre Inhalte in die Öffentlichkeit zu bringen. Daran sollte sich niemand - auch nicht ungewollt – beteiligen.

Hintergründe

In der Berichterstattung über die Aktion sind einige Fakten und Kontexte unterbelichtet. So lässt etwa die Aktionsform der Dortmunder Neonazis darauf schließen, dass sie sich bei der Planung und Durchführung der Besetzungsaktion des Kirchturmes in Dortmund der Methoden und der Bildsprache der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ (IB) bedienen. Schon im Februar 2013 besetzten AktivistInnen der IB in Wien die Votivkirche. Dass ein Kirchturm als Aktionsort ausgesucht wurde, war weder 2013 in Wien, noch jetzt in Dortmund ein Zufall. Die rechten AktivistInnen beschwören einerseits das Erbe des „christlichen Abendlandes“, in dessen Tradition sie stünden und zu dessen Verteidigung sie angetreten seien. Andererseits werfen sie den Kirchen vor, selbst eine von der extremen Rechten diagnostizierte angebliche Islamisierung voranzutreiben. Kirche und Christentum gehören in der Welt des militanten Neonazismus zu den erklärten Feinden ihrer völkisch-rassistischen Ideologie. Sie selbst sind oftmals Anhänger einer „germanisch-heidnischen Rassereligion“.

Die Aktionsform der Neonazis setzt auf die Inszenierung spektakulärer Bilder. Das Aktionsvideo, welches die Aktion im Internet darstellt, beschränkt sich nicht darauf, die Aktion einfach zu begleiten. Das Video ist aus zwei Kameraperspektiven gedreht: einmal in der Kirche und einmal vom Weihnachtsmarkt aus - mit Blick auf den Kirchturm. Unterlegt ist das Video mit der Musik der Band „Flak“, die passend zur Aktion singt „Es gibt nur einen Ausweg für unser Volk, Blut und Tradition / Und dieser heißt: Revolution“. Medienwirksam wird das Abführen der an der Besetzung der Kirche beteiligten Neonazis gefilmt. So ist es möglich, diese später zu Helden der Bewegung zu stilisieren.

Reproduktion der Bilder

Die Berichterstattung kommt der Kommunikationsstrategie der Neonazis dort entgegen, wo sie deren Inszenierung mit brennenden Bengalo-Feuern wiedergibt und so diese propagandistische Inszenierung reproduziert. Den Neonazis ist die mediale Verbreitung ihrer Aktion mindestens genauso wichtig wie die Aktion selbst. Die Dortmunder Neonazis folgen also auch hier den Aktivisten der „Identitären Bewegung“. Die Reichweite einer Aktion bemisst sich für  sie inzwischen durch die Anzahl der Klicks im Netz und die – auch indirekte – Wiedergabe des Geschehens. Einen sinnvollen Umgang mit der Aktion zeigte die Dortmunder Lokalausgabe der WAZ, die der Aktion lediglich einen sehr knappen Artikel einräumte und zurecht darauf hinwies, nicht umfangreicher zu berichten, weil es sich um eine Propagandaaktion handele, die sich in ihrer Wirkung aus Medienreaktionen speist.

Die Kulisse einer christlichen Kirche wird in Dienst genommen, um islamfeindliche, rassistische Propaganda in die Öffentlichkeit zu bringen. Nun sind politische Aktionen in und um Kirchen nichts Neues. Die Propaganda der extremen Rechten und der Neonazis ist zu dekonstruieren, ihre Bildsprache und Parolen dürfen nicht reproduziert werden.

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