Pressemitteilung: NRW-Innenminsterium informiert Öffentlichkeit unzureichend über "Kampf der Nibelungen"

Pressemitteilung der LOTTA vom 5.12.2017

Am 5. Dezember 2017 nahm das Innenministerium des Landes NRW Stellung zum neonazistischen Kampfsportevent „Kampf der Nibelungen“, das am 14. Oktober 2017 vor über 500 Neonazis in Kirchhundem (Kreis Olpe) stattfand.[1]Die Antworten der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion „Bündnis 90/Die Grünen“ lösen bei Neonazismus-Expert*innen Erstaunen aus:

„Die Informationen, welche die Landesregierung der Öffentlichkeit über eines der derzeit wichtigsten Neonazi-Events zur Verfügung stellt, sind äußerst dürftig. Entweder fehlt es Verfassungsschutz und Polizei an einer tiefgreifenden Analyse oder die Bedeutung des 'Kampfs der Nibelungen' soll seitens des Innenministeriums heruntergespielt werden“, so Britta Kremers, Redakteurin der antifaschistischen Zeitschrift LOTTA. Die Zeitschrift hatte im Januar 2016 eine der ersten Hintergrund-Recherchen über den „Kampf der Nibelungen“ veröffentlicht.[2]

So verweist die Landesregierung in ihrer Antwort auf die Frage, welche extrem rechten Strukturen aus NRW an der Organisation der Kampfsportveranstaltung beteiligt waren, lediglich auf das öffentlich einsehbare Impressum der Homepage des „Kampfs der Nibelungen“, das den Dortmunder Alexander Deptolla als Verantwortlichen ausweist.[3] Weitere Informationen über die Organisationsstruktur werden nicht genannt. Auch auf die Frage einer möglichen Beteiligung von Strukturen der „Hammerskins“ sowie neonazistischer Strukturen aus dem Ausland, nennt die Landesregierung lediglich das Sponsoring durch die Marken „White Rex“ (Russland) und „Pride France“ (Frankreich).

Tobias Hoff, LOTTA-Autor und Experte für den „Kampf der Nibelungen“, hält diese Antworten für irreführend: „Tatsächlich sind die Strukturen der militanten Hammerskin Nation ('Hammerskins') seit der ersten Veranstaltung im Jahr 2013 maßgeblich in die Organisation eingebunden. Alexander Deptolla steht im engen Kontakt mit diesem konspirativ agierenden, internationalen Neonazi-Netzwerk, beispielsweise zu einem der exponiertesten Personen der deutschen Hammerskins Malte Redeker. Deptolla und Redeker gehörten zu einer Reisegruppe deutscher Hammerskins, die im Juni 2017 auf der Ferieninsel Mallorca durch die Störung eines Auftrittes der Schlagersängerin Mia Julia im Lokal 'Bierkönig' für bundesweite Schlagzeilen sorgten“, so Hoff.

Nach Einschätzung von Hoff sind die Betreiber der russischen Marke „White Rex“ nicht bloß die Sponsoren der Veranstaltung, sondern zählten zu den treibenden Kräften hinter der europaweiten Etablierung von Events wie dem „Kampf der Nibelungen“.

Hoff: „In den letzten Jahren ist ein transnationales Netzwerk des Neonazi-Kampfsports entstanden, dessen Akteuren es nicht nur um das Geldverdienen durch den Verkauf von Bekleidung geht. Ihr Ziel ist letztlich die Befähigung der Neonazis zur Gewaltausübung. Da ist eine explosive Mischung brutaler Gewaltäter entstanden, zu der organisierte Neonazis ebenso wie extrem rechte Hooligans zählen. Diese Gefahr muss ernst genommen werden.“

Neben Deptolla sind nach Informationen der LOTTA weitere Neonazis aus dem Ruhrgebiet in die Organisation der Veranstaltung eingebunden. Der Dortmunder Neonazi Christoph Drewer, kommissarischer Bundesvorsitzender der Partei „Die Rechte“, stand bereits im Vorjahr als Kämpfer im Ring.[4] Drewer war 2006 wegen verschiedener Körperverletzungsdelikte zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt worden.[5] Unter anderem hatte er auf einem Stadtfest in Hamm mehrere nicht-rechte Jugendliche attackiert und zum Teil schwer verletzt.

Die Neonazismus-Expert*innen der LOTTA kritisieren die Untätigkeit der nordrhein-westfälischen Sicherheitsbehörden. Während die Behörden des Landes Hessen die Kommunen im Vorfeld des diesjährigen „Kampfs der Nibelungen“ vor möglichen Anmietungen von geeigneten Räumlichkeiten durch Neonazis gewarnt hätten, sei Nordrhein-Westfalen untätig geblieben, obwohl dem Innenministerium Kenntnisse vorgelegen hätten, dass die Veranstaltung im Jahr 2015 in Hamm stattgefunden habe. Der Öffentlichkeit wurde dies erst durch die Antwort auf die aktuelle Kleine Anfrage bekannt. In den Verfassungsschutzberichten des Landes NRW für die Jahr 2015 und 2016 fand der „Kampf der Nibelungen“ keine Erwähnung. Wie solche Veranstaltungen künftig in NRW unterbunden werden sollen, dazu habe sich die Landesregierung nicht zufriedenstellend geäußert, meint LOTTA-Redakteurin Britta Kremers.

Kremers und ihre Kolleg*innen wollen am Thema bleiben. Die von einer ehrenamtlichen Redaktion herausgegebene Zeitschrift LOTTA wird sich in ihrer nächsten, Anfang 2018 erscheinenden, Ausgabe intensiv in einem Schwerpunkt mit den Hintergründen des „Kampfs der Nibelungen“ und der Betätigung von Neonazis in der Kampfsportszene befassen.[6] Aus der Kampfsportszene heraus hat sich mittlerweile die antifaschistische Kampagne „Runter von der Matte“ gebildet, die der Einflussnahme von Neonazis entgegen tritt und eine umfangreiche Aufklärungsarbeit betreibt.[7]

Anmerkungen

[1] Antwort der Landesregierung auf die Kleine Anfrage 480 der Abgeordneten Verena Schäffer und Josefine Paul der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Drucksache 17/1358, online: https://www.landtag.nrw.de/Dokumentenservice/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMD17-1358.pdf

[2] Tobias Hoff: „Um sich mit ihren weissen Brüdern zu messen“. Das Neonazi-Kampfsport-Event "Kampf der Nibelungen", in: LOTTA – antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen, Ausgabe 61/Winter 2016, /ausgabe/61/um-sich-mit-ihren-wei-en-br-dern-zu-messen

[3] Die Website wurde in dieser Form erst in diesem Jahr online gestellt. Alexander Deptolla zählte zum Führungskreis des verbotenen „Nationalen Widerstand Dortmund“ und betätigt sich aktuell auch im Kreisverband Dortmund der Neonazi-Partei „Die Rechte“.

[4] Siehe Werbevideo für den „Kampf der Nibelungen 2017“, Minute 1:25, https://www.youtube.com/watch?v=bcahL2d4bnA

[5] Siehe http://nordstadtblogger.de/christoph-drewer-verurteilt-dem-bundesvize-der-neonazi-partei-die-rechte-drohen-insgesamt-drei-jahre-haft/ sowie LOTTA – antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen,, Ausgabe 23/Sommer 2006, S. 50

[6] www.lotta-magazin.de

[7] https://runtervondermatte.noblogs.org/

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