Benjamin Schmoranz (Bildmitte) in bester Laune beim Trauermarsch für
Siegfried Borchardt am 9. Oktober 2021 in Dortmund. Rechts neben ihm mit Kappe Marko Gottschalk.
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Der „Ghost Gang MC“

Eine Allianz von Rockern und Neonazis

Immer öfter ist der von Schwelm bei Wuppertal aus agierende Motorrad-Club „Ghost Gang MC“ in letzter Zeit durch seine Nähe zu Neonazis aufgefallen. Am 15. April 2023 veranstaltete er beispielsweise in seinem Club-House „Ghost Castle“ eine „Open Season“-Party, unter deren Gästen u. a. auch eine mehrköpfige Abordnung der neonazistischen Organisation „Brothers of Honour“ (BoH) anzutreffen war. Dass diese als Nicht-Biker offen in ihrer Club-Kluft auftrat, lässt auf eine besondere Nähe zum „Ghost Gang MC“ bzw. zu dessen Führungskräften schließen.

Von den Strafbehörden wird der 2003 in Wuppertal als Abspaltung des „Bandidos MC“ und des „Ghostrider MC“ gegründete „Ghost Gang MC“ der OMCG-Szene zugerechnet. OMCG steht hier für „Outlaw Motorcycle Gang“, womit eine Zuordnung zur Organisierten Kriminalität gemeint ist. Das Gros der Member des „Ghost Gang MC“ ist seit Jahrzehnten in der Rocker-Szene aktiv, erheblich kriminalpolizeilich in Erscheinung getreten und hat bereits zum Teil mehrjährige Freiheitsstrafen verbüßt. Exemplarisch kann der ehemalige „Ghost Gang“-Präsident angeführt werden, der 1993 wegen Anstiftung zur gefährlichen Körperverletzung, Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz, das Waffengesetz sowie das Kriegswaffenkontrollgesetz zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt wurde. Haftstrafen tragen innerhalb der Rocker-Szene zur Reputation bei und verbessern das Standing im eigenen Club. „Loyalität“, „Respekt“ und „Ehre“ zählen zu den identitätsstiftenden Werten der Szene, die häufig als Rechtfertigung für gewalttätige Konflikte herangezogen werden. Wie beispielsweise am 5. Oktober 2013 in Iserlohn, als sich Mitglieder des „Ghost Gang MC“ gewalttätige Auseinandersetzungen mit dem verfeindetem „Mongols MC“ lieferten. Die Kontrahenten gingen mit Messern und Baseballschlägern aufeinander los, wobei ein 35-jähriger, dem „Ghost Gang MC“ zugehöriger Mann einen Schädelbruch erlitt. Nicht selten werden bei solchen Auseinandersetzungen im Rocker-Milieu auch scharfe Waffen eingesetzt, mit denen die Clubs ihre „illegalen“ Geschäfte abzusichern versuchen. In der jüngeren Vergangenheit versuchen laut Angaben von Strafbehörden auch immer mehr Rocker, über einen Sportschützenverein auf legalem Weg an Schusswaffen zu gelangen. Auch beim „Ghost Gang MC“ gibt es hierzu belegbare Fälle.

Verbindungen in die extreme Rechte

Um in der umkämpften Rocker-Szene bestehen zu können, ist den Membern an einer Rekrutierung von geeignetem „Nachwuchs“ gelegen. Bevorzugt wird versucht, Mitglieder aus gewaltaffinen Szenen wie Kampfsportler, Türsteher oder Hooligans zu rekrutieren. Von ihnen werden sich Tugenden wie Schlagkraft und Loyalität versprochen. Auch sind diese mit dem Prinzip Unterordnung in hierarchischen Strukturen vertraut. Nicht selten werden hierbei auch Neonazis als neue „Brüder“ rekrutiert. Beim Ghost Gang MC spielt hierbei die Clubaufnahme von Benjamin Schmoranz eine zentrale Rolle. Schmoranz kann als Kristallisationsfigur des „Ghost Gang MC“ betrachtet werden, da er maßgeblich an der Einbindung extrem rechter Aktivisten in den MC beteiligt ist und dessen Image prägt. Der 1987 geborene Schmoranz gehörte Mitte der 2010er Jahre als „Prospect“ dem Kölner Chapter des Bandidos MC an und lebte in Leverkusen, wo er zuvor offenbar auch der rechten Hooligan-Szene angehörte. Damals nannte er sich „Ben Schulz“. Das Kölner Chapter des „Bandidos MC“ löste sich Anfang 2019 auf, nachdem es zu brutalen Auseinandersetzungen mit den „Hells Angels“ in der Region gekommen war. Anschluss fand Schmoranz dann beim „Ghost Gang MC“ und erzeugte aufgrund seines auffälligen Erscheinungsbilds sehr schnell Aufmerksamkeit. Auf der rechten Gesichtshälfte trägt er eine großflächige Spinnennetztätowierung und dazu den Schriftzug „Loyality“, mit dem er optisch das Image als „Outlaw“ bedient und damit eine jüngere Generation von „Followern“ anspricht. Zahlreiche Fotos in den Sozialen Medien, auf denen Schmoranz mit neuen „Prospects“ und alten Membern des „Ghost Gang MC“ zu sehen ist, deuten darauf hin, dass er als Bindeglied zwischen den Generationen im Club fungiert. Die Bedeutung für den Club drückt auch sein Aufstieg zum „Secretary“ aus, womit er nun für den Schriftverkehr des Clubs zuständig ist, nachdem er zuvor auf seiner Kutte noch den Rang „Probationary“ und den Zusatz „Favella Crew“ trug. Bei der „Favella Crew“ scheint es sich um eine Art Nachwuchsorganisation der „Prospects“ des MC zu handeln. Der Kampfhund-Liebhaber Schmoranz unterhält enge Kontakte zur extremen Rechten und ist bestens mit dieser vernetzt. Am 21. Januar 2022 nahm er in Dortmund an der Beisetzung von Siegfried Borchardt teil. Bereits zuvor war er am 9. Oktober 2021 Teilnehmer des etwa 600-köpfigen Trauermarsches für „SS-Siggi“ — ebenso wie hochrangige neonazistische Kader wie u. a. der Brite William Browning, Gründer und Europa-Chef der in Deutschland verbotenen Organisation „Combat 18“, und deren Deutschland-Chef Stanley Röske aus Eisenach. Auf Röske traf Schmoranz nur wenige Monate später erneut, als er am 29. Januar 2022 an einem klandestinen Treffen im „Flieder Volkshaus“ der NPD in Eisenach teilnahm. An dem Abend trafen sich militante Neonazi-Strukturen aus dem Spektrum und Umfeld von „Combat18“ / „Blood & Honour“ und der extrem rechten Kampfsportgruppe „Knockout 51“ aus Eisenach. Neben Schmorenz ließen sich für ein gemeinsames Gruppenbild u. a. auch der „Oidoxie“-Frontmann und BoH-Präsident Marko Gottschalk, der Dortmunder Neonazi Steven Feldmann und Mitglieder von „Knockout 51“ vor einer Hakenkreuzfahne ablichten. Dass Gottschalk zu Schmoranz ein besonders enges Verhältnis pflegt, belegt auch seine Teilnahme an der im Juni 2023 stattgefundenen Hochzeit von Schmoranz, an der er mit weiteren BoH-Mitgliedern in deren Kutten teilnahm. BoH bekennt sich u. a. durch die C18-Losung „whatever it takes“ und dem Code „28FF28“ („Blood & Honour Forever, Forever Blood & Honour“) zu den in Deutschland verbotenen Organisationen „Blood & Honour“ und „Combat 18“ und zeigt sich als deren Repräsentant. Die am 27. September 2023 unmittelbar nach den Verboten der „Hammerskins Deutschland“ und „Artgemeinschaft“ verkündete Selbstauflösung von BoH dürfte rein taktischer Natur sein, von einer tatsächlichen Auflösung der Struktur ist nicht auszugehen.

Neue „Brüder“ aus der extremen Rechten

Nach Schmoranz haben sich noch weitere Akteure aus der extremen Rechten dem „Ghost Gang MC“ als neue „Bruderschaft“ angeschlossen. Zum Beispiel vermutlich 2021 die Düsseldorfer Sascha Vasic und Dennis Busch, die als Aktivisten der von Düsseldorf aus agierenden „Bruderschaft Deutschland“ (BSD) und darüber hinaus als Teilnehmer von extrem rechten Demonstrationen bekannt waren. Die aus rechten Hooligans, Neonazis, Türstehern und Rockern bestehende „Bruderschaft Düsseldorf“, die sich offenbar im Sommer 2016 in Düsseldorf gründete, trat als clubähnliche Gruppierung auf, die vom Style und Habitus an die Rocker-Szene anknüpfte (vgl. LOTTA #74, S. 30 ff.). Im Zuge der Ermittlungen des Generalbundesanwalts zur Terrorgruppe „Gruppe S“ fanden am 1. April 2020 auch bei Mitgliedern der BSD Hausdurchsuchungen statt. Repression, antifaschistischer Widerstand und der Rückzug wichtiger Kader führten letztendlich 2022 zur Auflösung der BSD, die bereits 2021 kaum noch sichtbar war. Der Umstieg einzelner BSD-„Brüder“ in die Rocker-Szene muss dabei nicht gleichzeitig ihren Ausstieg aus der extremen Rechten bedeuten. Insbesondere extrem rechte „Bruderschaften“ und MCs sind sich in ihrer Struktur und Organisation sehr ähnlich. Es gibt eine hierarchische und elitäre Struktur, eine starke Gruppenidentität, die durch einheitliche Kleidung und Symbolik gestärkt wird, Zugangshürden für potenzielle Mitglieder sowie konspiratives Verhalten und breite Netzwerke. Beide Organisationsstrukturen sind exklusiv männlichen Personen vorbehalten und weisen sowohl einen ähnlichen Habitus als auch ideologische Gemeinsamkeiten auf. Dass es sich beim Einstieg des Hooligans und Türstehers Sascha Vasic als „Prospect“ in den „Ghost Gang MC“ nicht um einen politischen „Ausstieg“ aus der extremen Rechten handelte, sondern wohl lediglich um einen „Umstieg“ in ein neues Milieu, verdeutlichten seine weiteren Teilnahmen an neonazistischen Aufmärschen und enge Anbindung an die Dortmunder Neonazi-Szene. Kontakte nach Dortmund dürften beim Aufbau des neonazistischen Netzwerkes von Schmoranz eine besondere Rolle gespielt haben, gilt die lokale Szene doch als eine Art Kristallisationspunkt der neonazistischen Rechten in NRW. Und so sind beispielsweise auch Dortmunder Neonazis auf Veranstaltungen in der „Ghost Castle“ anzutreffen. Ob Vasic den streng hierarchischen Weg, der innerhalb der MCs herrscht, geschafft hat, ist unklar. Während Busch seit Sommer als Fullmember des „Ghost Gang MC“ auftritt (und bei MMA- oder Kickbox-Kämpfen für seinen MC in der Ring steigt), ist von Sascha Vasic seit Anfang 2023 nicht mehr viel zu vernehmen.

Über NRW hinaus

Als neuer „Prospect“ aus der Neonazi-Szene hat sich Dominik Brandes aus Goslar dem „Ghost Gang MC“ angeschlossen. Brandes ist seit 2015 in verschiedenen neonazistischen Organisationen aktiv. So nahm auch er an dem bereits beschriebenen klandestinen Treffen im „Flieder Volkshaus“ in Eisenach teil und gehörte zu derjenigen Gruppe, die vor einer Hakenkreuzfahne posierte. In diesem Sinne lässt sich auch der Aufdruck von Brandes‘ Pulli, mit dem er 2023 an der 1.-Mai-Kundgebung in Braunschweig auftrat, als politisches Bekenntnis interpretieren: „Defend your tradition“. Aber Brandes ist nicht der einzige überregionale Neuzugang. Seit dem Treffen im „Flieder Volkshaus“ kreuzen sich die Wege der neonazistischen Eisenacher Kampfsportgruppe „Knockout 51“ und die des „Ghost Gang MC“ immer wieder. So waren die „Knockout 51“-Mitglieder Nils Ackermann und Benjamin Sode nicht nur bei der „Ghost Gang“-Party am 15. April 2023 zu Gast, sondern auch bei der Feier zum 20-jährigen Bestehen des MC am 19. August 2023. Dort präsentierte Ackermann sich stolz als neuer „Prospect“ des „Ghost Gang MC“. Der Kampfsportler Sode wird als Kämpfer für den „Ghost Gang MC“ bei dem Kampfsportevent „Airfield Rumble“ in Lahr (Schwarzwald/Baden-Württemberg) am 30. September 2023 angekündigt. Dass sich zwei „Knockout 51“-Mitglieder den Rockern des „Ghost Gang MC“ angeschlossen haben, ist durchaus brisant: Vier Mitglieder von „Knockout 51“ müssen sich seit August 2023 vor dem Oberlandesgericht in Jena wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung, gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung und Landfriedensbruch verantworten. Ackermann und Sode sind zwar nicht im laufenden Prozess angeklagt, aber laut Presseberichten wird gegen die beiden Thüringer in einem gesonderten Verfahren als Mittäter und Unterstützer ermittelt. Als Unterstützung zum Prozessauftakt am 21. August 2023 reiste eine Gruppe Neonazis aus NRW nach Jena, unter ihnen die „Ghost Gang MC“-Member Schmoranz und Brandes.

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