
Altar-Media
Der „Christkönigtum e.V.“
Trainieren für den Kreuzzug? Diese Botschaft sollte vermittelt werden, als sich im September 2025 rund 40 Männer in roten T-Shirts im Sports Gym Witten zum Kampfsporttraining zusammenfanden. Auf ihren Rücken prangte das Jerusalemkreuz, Symbol der Kreuzritter. Vor dem Training schwor Gordon Haupt aus Witten die Anwesenden ein. Kampfhandschuhe tragend zitierte er aus dem „Römerbrief“ und berichtete ungelenk von „falschen Religionen, falschen Ideologien“, die ins Land gekommen seien und zu einem „brutalen Kampf gegen die Werte des christlichen Abendlandes und gegen das ganze Volk“ geführt hätten.
Der frühere Kampfsportler zählt neben Kevin Mis (Wuppertal), Gagliano Brieger (Berlin) und Jeromé Kiaelmann (München) zu den zentralen Protagonisten des Christkönigtum e. V., der bundesweit zu dem „Kampfsporttraining für katholische Männer“ in Witten mobilisiert hatte. In der Folge fanden vergleichbare Veranstaltungen in Berlin und München statt. Der 2024 gegründete Verein mit Sitz in Wuppertal hat sich innerhalb weniger Monate als Anlaufstelle für junge christlich-fundamentalistische Männer etabliert.
„Neue Ära der katholischen Mission“
Das Kampfsporttraining in Witten bildete den vorläufigen Höhepunkt der Aktivitäten. Zuvor hatte der Christkönigtum e. V. zumeist nur ein Dutzend Personen auf die Straße bekommen. Bei kleineren Demos durch die Fußgängerzonen von Dortmund und Bochum im Dezember 2024 nahmen jeweils um die zehn Personen teil. Diese als „Straßenmission“ bezeichneten Veranstaltungen würden dem Verein zufolge eine „neue Ära der katholischen Mission“ markieren. Im Februar 2025 mobilisierte man 15 Personen für eine „Straßenmission“ in Wuppertal; im März nahmen rund 15 Personen an einem „Gebets-Marsch“ in Lippstadt teil. Der Ablauf ähnelte sich dabei: Nachdem zunächst ein kurzer Fußweg mit Holzkreuz, Flaggen und Megafon beschritten wurde, endeten die Versammlungen mit einem öffentlichen Rosenkranzgebet.
Deutlich mehr Reichweite erzielt der Christkönigtum e. V. in den sozialen Medien. Mis und Haupt betreiben mit „Katholische Antworten“ und „Kathplosiv“ schon länger eigene YouTube-Kanäle. Seit der Gründung des Vereins versuchen sie sich in der digitalen Mission und bedienen dabei eine große Themenbreite. Die Analyse von Marienwundern, Kritik an als zu „liberal“ empfundenen christlichen Influencern oder die Positionen der russisch-orthodoxen Kirche zu Schwangerschaftsabbrüchen haben ebenso Platz wie Tipps zur Ehe und Partnerinnenwahl. Nun aber sind zwei bärtige Männer, die hinter einem Podcast-Set-up krude Weltsichten verbreiten, heutzutage keine Seltenheit mehr. Schnell versuchten Mis und Haupt deshalb, Social-Media-Aktivitäten mit Sichtbarkeit auf der Straße und Angeboten in den Gyms zu kombinieren. Monetarisiert wird dies zudem mit dem von Brieger betriebenen Marcellus Online Shop, in dem man sich mit Kreuzritter-Kitsch und Dornenkränzen ausstatten kann.
Auch über die Veranstaltungen hinaus, die unter dem Banner des Christkönigtums laufen, versucht der Verein, seine Anhänger zu mobilisieren. Dabei kann er sich anscheinend problemlos bei Akteuren des traditionell-katholischen Milieus einhaken. Im Mai 2025 begleiteten Akteure mit blauen Ordner-Westen den Wallfahrtstag des Klosters Maria Engelport (Treis-Karden) in Trier. Regelmäßig ruft der Christkönigtum e. V. zudem zur Beteiligung an Protesten der „Lebensschutz“-Bewegung auf. Dieses Thema wird vom Verein auch proaktiv gesetzt. So protestierten im August 2025 vier Personen gegen eine von der Gewerkschaft ver.di organisierte Demonstration in Lippstadt, die sich gegen das Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen im Christlichen Krankenhaus Klinikum Lippstadt richtete. Auch zur Teilnahme an Protesten gegen CSD-Paraden ruft der Verein auf oder meldet – wie in München – eigenen Gegenprotest an.
Die queerfeindliche und antifeministische Ausrichtung zieht auch Personen wie Lukas Courtial (Prüm) an. Der selbsternannte „Dating Coach“ ist in den Sozialen Medien aufgrund seiner reaktionären Familien- und Geschlechterbilder bekannt geworden. Unter anderem forderte er die Aufhebung des Frauenwahlrechts und eine absolute Unterordnung unter den Mann. Courtial nahm im Dezember 2024 an einer „Straßenmission“ des Christkönigtums in Dortmund teil und ist in dessen Telegram-Gruppen aktiv. Im Januar 2025 zog er als Nachrücker auf der AfD-Liste in den Kreistag des Eifelkreises Bitburg-Prüm ein.
Brüder im Geiste des Antisemitismus
Der Verein Christkönigtum e. V. versteht sich selbst als „Laienapostolat“. Bei der Frage, wessen Botschaft verkündet wird, stößt man recht schnell auf die Priesterbruderschaft St. Pius X. (Fraternitas Sacerdotalis Sancti Pii X, FSSPX). Diese gilt seit Jahrzehnten als Auffangbecken klerikal-faschistischer und ultrakonservativer Kräfte. In erster Linie versteht sich die FSSPX als eine Bewegung gegen die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965), in der die katholische Kirche sich in zentralen Fragen neu aufstellte und sich ein Stück weit der Moderne öffnete.
In der Erklärung „Nostra aetate“ („In unserer Zeit“) wurde so zum Beispiel das Verhältnis zu nicht-christlichen Religionen neu geordnet und deren „Wahrhaftigkeit“ anerkannt. Damit verbunden war auch ein Bruch mit antijudaistischen Positionen, die über Jahrhunderte in der katholischen Kirche tradiert wurden. Die Piusbruderschaft hingegen praktiziert einen ausdrücklich vorkonziliaren Katholizismus, der sich sowohl liturgisch als auch politisch in restaurativen und antidemokratischen Vorstellungen ausdrückt. Die der Erklärung „Nostra aetate“ entgegengehaltene Position „Extra ecclesiam nulla sallus“ („Außerhalb der Kirche kein Heil“) bildet ihr inhaltliches Fundament, auf das sich auch ihre Vorstellung einer katholischen Monarchie, eines Gottesstaates, bezieht.
Der Christkönigtum e. V. weist in NRW zwei enge Verknüpfungen mit der FSSPX auf. So dienen die zur „Bruderschaft“ gehörende Kirche St. Bonifatius in Essen-Bergeborbeck und die sich in einem Bürogebäude befindende Kapelle vom Guten Hirten in Lippstadt als Netzwerkknoten. Regelmäßig nehmen Aktive des Christkönigtum an den dortigen Messen und Prozessionen teil. Auch beteiligen sich Geistliche der „Bruderschaft“ an Veranstaltungen des Christkönigtums. Darüber hinaus bestehen personelle Überschneidungen zur Jugendorganisation der FSSPX, der Katholischen Jugendbewegung (KJB). Die inhaltlichen Schnittstellen sind groß: In der FSSPX wie im Christkönigtum e. V. findet sich ein Nebeneinander von klassischem christlichen Antijudaismus und modernem Antisemitismus. So praktiziert die FSSPX weiterhin die sogenannte Judenfürbitte, deren Ziel explizit die Bekehrung der Juden*Jüdinnen ist.
Mit Bischof Richard Williamson hatte die „Bruderschaft“ jahrelang einen notorischen Shoa-Leugner in ihren Reihen, der auch für den Christkönigtum e. V. Kultstatus besitzt. Als Williamson im Januar 2025 verstarb, wurde eifrig für ihn gebetet. Weitere Positionen, die permanent in den Veröffentlichungen des Christkönigtums wiedergekäut werden, beinhalten die strikte Orientierung an der tridentinischen Messe nach Pius V., die Einstufung evangelischer Christ*innen als „Häretiker“ und das Befürworten der Todesstrafe. Auch wenn die FSSPX sich klar antidemokratisch und antisemitisch positioniert, ist sie mitnichten im katholischen Raum isoliert. Unter dem deutschen Papst Benedikt XVI. wurde sie vielmehr rehabilitiert: Die Exkommunikation von Williamson wurde von ihm 2009 aufgehoben und die tridentinische Messe unter anderem Titel wieder eingeführt.
Militanter Ministrant
Wie stark antisemitische Positionen auch beim Christkönigtum e. V. verankert sind, zeigt ein Blick auf den Münchner Aktivisten Jeromé Kielmann. Kielmann nahm am erwähnten Kampfsporttraining in Witten teil und organisierte im November 2025 ein vergleichbares Training in München. Wie die Journalistin Lina Dahm auf ihrem Blog „Antifeministische Allianzen“ über die Christkönigtum-Aktivitäten in München festhält, wurde eine am 28. Juni 2025 von Kielmann geleitete Veranstaltung gegen den Münchner CSD abgebrochen, weil dieser ein Messer an der Gürtelschnalle trug. Auf dem von Kielmann betriebenen Instagram-Profil templar.germany dominieren misogyne, antifeministische, antisemitische und gewaltverherrlichende Inhalte. So tauchten in einem selbstproduzierten Kreuzritter-Video zum Gaza-Krieg aus September 2025 antisemitische Karikaturen auf.
An anderer Stelle beschreibt er unter Bezugnahme auf Thomas von Aquin die Tötung von Häretikern als „lobenswert und vorteilshaft“. Daneben finden sich Bilder von Kielmann im weißen Messdiener-Gewand und vor dem Altar der Münchner Pfarrei St. Peter. Auf Anfrage der LOTTA teilte die Erzdiözese München und Freising am 25. November 2025 mit, dass Kielmann für rund eineinhalb Jahre als Ministrant in dieser Pfarrei tätig gewesen sei. Im September 2025 sei er aufgrund seiner Social-Media-Aktivitäten aus der Ministranten-Gruppe ausgeschlossen worden. Auf die Fragen der LOTTA, inwiefern Kielmann noch Mitglied der mit der Pfarrei assoziierten Bruderschaft Corporis Christi sei und wie sich die Erzdiözese zur FSSPX verhalte, gab es keine Antwort.
Um Anschluss bemüht
Händeringend sucht der Verein Christkönigtum den Anschluss an die rechte Mediensphäre und bedient in der Suche nach Aufmerksamkeit deren talking points. Allerdings sind diesem Vorgehen Grenzen gesetzt, solange man sich kaum ernsthaft bündnisbereit zeigt. Gordon Haupt fasst es im Gespräch mit Mis so zusammen: „Als deutscher Patriot muss man katholisch sein.“ Es gäbe aber auch in der nationalistischen Szene ein religiöses „Durcheinander“, in dem Atheismus, evangelikales Christentum und Esoterik nebeneinander existieren würden. Letztlich wäre die deutsche extreme Rechte dann doch „zu liberal“.
So erklärt sich schließlich, warum der Christkönigtum e. V. wohl erst einmal in der Nische bleiben wird. Denn während beispielsweise Leonard Jäger („Ketzer der Neuzeit“) oder Irfan Peci mit ihren oft individualistischen Zugängen zu Religiosität anschlussfähig in Richtung der extremen Rechten bleiben, weil sie den Vorrang des Politischen nicht in Frage stellen, mündet für den Christkönigtum e. V. jede politische Debatte darin, dass alle gefälligst vor Christus zu knien haben.
Auch wenn der Verein von den gesellschaftlichen Verschiebungen und einer antifeministischen Mobilisierung profitiert, so werden ihm vor allem durch diese mangelnde Bündnisfähigkeit Grenzen gesetzt. Der Christkönigtum e. V. muss in erster Linie aus innerkatholischen Positionen erklärt werden. Viele ihrer inhaltlichen Punkte richten sich in erster Linie (wie auch bei der FSSPX) an eine katholische Zielgruppe, in zweiter an traditionelle Christ*innen anderer Konfessionen. Zugleich sind der Verein und sein Umfeld ein Ort, an dem reaktionäre Positionen eine Aktualisierung finden, wie zum Beispiel durch erwähntes „Kampfsporttraining für katholische Männer“, und deutlich besser an bestehende antifeministische und queerfeindliche Bewegungen angeschlossen werden kann, als das zuvor durch Formate wie die FSSPX gelingen konnte.