Linke Projekte nachhaltig supporten!

Interview mit Thomas von der Kampagne „Alles beginnt im Zentrum“

Immer häufiger geraten gegenwärtig linke Räume und Zentren unter Druck. Vor allem die AfD und die neonazistische Szene setzen vieles daran, sie auf verschiedenen Ebenen anzugreifen. Zusätzliche Unsicherheit erzeugt die gegenwärtige neoliberale Sparpolitik. Als Reaktion hat sich die Kampagne „Alles beginnt im Zentrum“ gegründet, die vielfältige Unterstützung bieten will.

Hallo Thomas! Mit eurer Kampagne setzt ihr euch für die Unterstützung alternativer Zentren ein. Was sind für euch die wichtigsten Funktionen solcher Räume?

Die Kampagne richtet sich nicht nur an klassische Autonome Zentren, sondern auch an selbstverwaltete Jugendzentren, queere Cafés oder autonome Beratungsstellen. Wir sehen da keine Struktur wichtiger als eine andere, sondern verstehen alle diese Orte durch ihre Gemeinsamkeit: als Orte der Kritik. Das ist uns wichtig, weil linker Protest und linke Subkultur von diesen Orten ausgehen. Auch wir, die wir im Rahmen der Kampagne zusammenarbeiten, sind alle in solchen Räumen sozialisiert worden. Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie viel Inspiration und Empowerment darin steckt, wenn es Räume abseits des Mainstreams und Konsumzwangs gibt, in denen man auf Gleichgesinnte trifft und gemeinsam lernt, sich zu organisieren, zu streiten und Spaß zu haben. Was wir Orte der Kritik nennen, sind soziale Räume mit einer eigenen Kultur und einem enormen Potenzial für politische Bildung.

Ihr betrachtet linke Zentren also auch als eine Möglichkeit der Organisierung gegen den Rechtsruck in Politik und Gesellschaft?

In vielen Regionen stellen sie die einzigen kontinuierlichen Räume dar, in denen antifaschistische Organisierung, politische Bildung und Unterstützung Betroffener rechter Gewalt stattfinden können. Sie sind Orte, die Kritik an den politischen Verhältnissen und der Diskursverschiebung nach rechts üben. Die ohne die Logik des Konsumdrucks funktionieren und deshalb zugänglich sind, auch für Menschen mit weniger Geld. Orte, an denen solidarisches Miteinander gelebt und neue Ideen abseits der Norm entwickelt werden. Ohne diese Orte gäbe es keine Räume mehr, an denen junge Menschen lernen können, wie man eine Demo organisiert, wie man Pressearbeit macht oder auch Eintopf für 100 Leute kocht. Man muss sich klar machen: Alle erfolgreichen Demos gegen Rechts finden nur statt, weil engagierte Menschen irgendwo einen Ort haben, an dem sie sich organisieren können.

Besteht gegenwärtig ein besonderer Anlass für eure Arbeit? Welche Entwicklungen haben euch dazu bewogen, diese Kampagne anzustoßen?

Wir befinden uns in einer Situation, in der gesamtgesellschaftlich autoritäres Denken zunimmt. Zunächst einmal haben fast alle selbstverwalteten Projekte zunehmende Geldnöte. Das hängt mit der aktuellen Austeritätspolitik zusammen. Viele soziokulturelle Zentren sind öffentlich gefördert. Diese Gelder werden immer weiter gekürzt. Wegen unterfinanzierter kommunaler Haushalte – aber auch, weil rechtskonservative Politiker*innen immer häufiger versuchen, bestehende Förderungen zu streichen. Was das konkret bedeutet, zeigt das Beispiel des Autonomen Jugendhauses (AJH) Bargteheide in Schleswig-Holstein, das im vergangenen Jahr wiederholt rechtsextremen Angriffen und Drohungen ausgesetzt war. Zugleich strich die Kommune dem AJH Fördergelder. Es ist ein flächendeckendes Phänomen: Der politische Wille, Geld für politische Bildung und soziale Arbeit auszugeben, nimmt drastisch ab. Die Bestrebungen von CDU und AfD, Demokratie Leben! zu kürzen, ist ein weiteres, drastisches Beispiel. Wir dokumentieren viele solcher, aber auch tätlicher Angriffe auf Zentren auf unserer Website. Das ist mehr als eine Verschiebung des Diskurses in den Medien und Parlamenten. Hier geht es auch um Brandsätze, Buttersäure und Steinwürfe.

Wieso erfolgen so viele Angriffe auf Zentren durch die extreme Rechte?

Selbstverwaltete Zentren erfüllen nicht nur für Linke eine wichtige Symbolfunktion, die über die große praktische Relevanz in Sachen Organisation und Infrastruktur hinausgeht. Insofern geht es bei solchen Angriffen um Einschüchterung und Symbolik. Gleichzeitig verfolgen Nazis hauptsächlich im ländlichen Raum die Strategie der „Landnahme“. In diesem Rahmen werden gezielt Immobilien gekauft und genutzt. Ein Beispiel ist Glauchau in Sachsen, wo seit ein paar Monaten eine massive Präsenz der Partei Der III. Weg bemerkbar ist. Infolgedessen wurden um das linke Zentrum Taktlos Sticker mit NSU-Bezug verklebt. Gerade in kleineren Orten sind die Zentren die einzigen Orte, von denen aus antifaschistischer Protest, Demokratieprojekte und solche Dinge organisiert werden. Sie stehen der „Landnahme“ im Weg und sind dabei meist auch die Letzten, die den Rechten etwas entgegensetzen. Wenn diese Orte verschwinden, können die Rechten ihre Hegemonie etablieren.

Seht ihr bezüglich jener Angriffe und Diffamierungen einen „Stadt-Land“-Unterschied?

Angriffe erfolgen dort am heftigsten, wo Rechte sich schon in einer hegemonialen Position wähnen. In Schwarzenberg in Sachsen gibt es beispielsweise den Verein Atomkinder, der immer noch der rechten Hegemonie widerspricht und deswegen immer wieder angegriffen wird. Hier konnten wir Hilfe leisten, genau wie in Cottbus, wo unter anderem das linke Hausprojekt Zelle 79 immer wieder angegriffen wird. Gleichzeitig hat der Überfall auf Connewitz 2016 in Leipzig gezeigt, dass sich rechte Gewalt nicht auf die ostdeutsche Provinz beschränkt. Auch die Kneipe Hirsch-Q in Dortmund ist immer wieder Ziel solcher Angriffe. Es lässt sich also nicht einfach so ein eindimensionaler Unterschied zwischen (westdeutscher) Stadt und (ostdeutscher) Provinz aufmachen. Die Erfahrung zeigt vor allem: Überall dort, wo Leute den Nazis etwas entgegensetzen, fassen diese nicht so schnell Fuß. Antifaschistischer Protest ist immer auch eine Frage der Ressourcen. Wenn es ein Zentrum gibt, hilft das schon mal sehr. Dann gibt es auch eine Anlaufstelle, das gilt für die Stadt genauso wie für das Land. Je dichter das Netzwerk, umso schlechter für Nazis.

Noch einmal zurück zu eurer Kampagne: Wie sehen eure konkreten Ansätze aus? Was wollt ihr umsetzen und was habt ihr schon umgesetzt?

Mit den bisher akquirierten Spenden haben wir die Möglichkeit, linken Zentren akut Hilfe zu leisten. So haben wir beispielsweise der Zelle 79 eine neue Eingangstür finanzieren oder den Atomkindern bei der Verbesserung ihrer Sicherheitsstrukturen unter die Arme greifen können. Gleichzeitig wollen wir auch über die politische Situation informieren und den Austausch in der Szene und darüber hinaus verstärken. Dabei unterstützen uns eine Vielzahl von Bands, Autor*innen etc. mit ihrer Sichtbarkeit und Reichweite. Das freut uns sehr. Zudem streben wir an, einen Strukturhilfefonds aufzubauen, mit dem wir Zentren langfristig unterstützen können.

Zuletzt: Wie können Menschen sich an eurer Kampagne beteiligen?

Das Wichtigste ist: Spenden! Je mehr Geld wir haben, desto mehr finanzielle Unterstützung können wir leisten. Dabei versuchen wir gezielt, Leute anzusprechen, die in AZs „groß geworden“ sind, deren Herzen immer noch an diesen Orten hängen und die mittlerweile über geregelte Einkommen verfügen, also auch mal ein bisschen mehr spenden können. Die politische Lage wird wahrscheinlich, auch wenn wir uns das anders wünschen, nicht besser werden. Umso wichtiger ist es uns, mit der Kampagne so lange wie möglich Unterstützung leisten zu können.

Vielen Dank für das Interview!

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