Gabriele D'Annunzio (in der Mitte mit Stock) 1919 mit Legionären des „Arditi-Korps“ in Fiume.

D’Annunzio

Rezeption eines Protofaschisten

Am 20. März 2026 führte der Landesverband NRW der „Generation Deutschland“ eine Veranstaltung durch, in der der protofaschistische Ideologe und Praktiker Gabriele D’Annunzio präsentiert wurde. Die Veranstaltung soll Anlass sein, in einer Artikelserie einen Blick auf die aktuell in der extremen Rechten und insbesondere in der AfD und deren Umfeld virulenten Vordenker zu werfen.

Der NRW-Landesverband der Generation Deutschland lud im Rahmen einer „Theoriereihe“ zu einem „Italienabend“. Die Einladung versprach einen Vortrag mit „Einblick[en] in die Fiume-Republik Anfang der 1920er Jahre“ sowie zum italienischen Futurismus. Am Abend der Veranstaltung versammelten sich nach Eigenangaben 50 Interessierte im Wahlkreisbüro von Matthias Helferich in Dortmund. Es war Luca Hofrath, der Vorsitzende der GD NRW, der im Rahmen der Veranstaltung Gabriele D’Annunzio und dessen protofaschistisches Experiment Fiume vorstellte.

Heute heißt Fiume Rijeka. Es liegt an der Adria im heutigen Kroatien. Geschichtlich gehörte es ab dem 15. Jahrhundert zur Habsburgermonarchie. In der vom Handel lebenden Hafenstadt lebten Menschen unterschiedlicher Länder und Kulturkreise. 1805 eroberten es die Franzosen und gliederten es dem verbündeten Italien an, später gehörte es zu Ungarn. Nach dem ersten Weltkrieg sollte die Stadt dem Willen des Großteils der Siegermächte nach dem gerade entstehenden Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen angehören. Die italienischen Nationalisten sahen sich um ihre Siegesbeute betrogen. Einer der Führer der italienischen Nationalisten, Gabriele D’Annunzio, besetzte daraufhin am 12. September 1919 mit Unterstützung irregulärer Truppen die Stadt. Die darauffolgende 15-monatige Herrschaft D’Annunzios war ein Experimentierfeld protofaschistischer Ideologie und Praxis und machte ihn zu einem verehrten Vorbild der extremen Rechten, vor allem natürlich in Italien, aber auch in Deutschland. So erschien 2023 im Hydra Verlag die Graphic Novel „Fiume oder der Tod. D’Annunzio, seine Männer und ihre Heldentaten“. Es handelte sich um eine Übersetzung der italienischen Erstausgabe von 2019.

Dichter, Schriftsteller, Narzisst

D’Annunzio wurde 1863 in der Kleinstadt Pescara an der Adria geboren. Auf Wunsch der begüterten Eltern ging er auf ein Internat in Florenz, schrieb früh Gedichte und war von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt. Seinen Narzissmus sieht er von der Philosophie Friedrich Nietzsches und dessen Motto „Alles, was er ist, verdankt er sich selbst“ bestätigt. 1889 ging er nach Rom und arbeitete dort als Journalist und Schriftsteller. Er veröffentlichte einige erfolgreiche Romane und lernte, auf die Bedürfnisse des Publikums zu achten. Seine Geschichten wurden wegen der geschilderten sexuellen Inhalte als skandalös betrachtet und machten den mit dem Skandal spielenden D’Annunzio weit bekannt, auch international. Er wurde Teil der kunst- und kulturbegeisterten Oberschicht. Doch es gab schon früh Kritik an ihm, da er ohne Bedenken kopierte und plagiierte.

D’Annunzio war kein politischer Denker im eigentlichen Sinn, er war Ästhet. Das heißt, für ihn war die Form wichtiger als der Inhalt. Allerdings entwickelte er früh ein Verständnis davon, wie Menschen zu beeinflussen sind, ob nun mit Liebesbriefen, mit Romanen oder mit Theaterstücken. Ihn interessierte die Inszenierung und die damit verbundene Macht. Dabei faszinierte ihn vor allem die Masse, deren Sehnsüchte, Träume und Bedürfnisse er erkennen wollte. Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg war D’Annunzios Beziehung zu der Schauspielerin Eleonora Duse. Von 1894 an waren die in halb Europa bekannte Schauspielerin und D’Annunzio für zehn Jahre ein Paar. D’Annunzio schrieb Stücke für sie und brachte diese vor großem Publikum auf die Bühne. Dabei lernte er nicht nur das Inszenieren an Theater und Oper. Da seine Beziehung zu der berühmten Schauspielerin ihn zu einer öffentlichen Person machte, lernte er auch, sich selbst zu inszenieren.

Politiker?

1897 kandidierte D’Annunzio für eine Partei der Rechten für das italienische Kommunalparlament. Dabei präsentierte er jedoch kein ausformuliertes politisches Programm. Kurz vor der Wahl erklärte er: „Ich bin jenseits von rechts und links, wie ich jenseits von Gut und Böse bin“. Seinem Verleger Emilio Treves gegenüber äußerte er: „Die Welt muss sich davon überzeugen, dass ich zu allem fähig bin“. Es ging ihm vor allem um ihn selbst, nicht um die wirtschaftliche Lage der Menschen, nicht um die sozialen Beziehungen, nicht darum wie Macht und Geld in der Gesellschaft verteilt sind. Wichtig waren für ihn die Reden, der Kontakt mit dem Publikum, seine Appelle an die Gefühle des Publikums, an die Gemeinschaft, an deren Hoffnungen, mit denen er die Massen für sich gewann. Es waren diese Erlebnisse der imaginierten kollektiven Gemeinschaft, der D’Annunzio seinen Einzug ins Parlament verdankte. An der eigentlichen Politik hatte er wenig Interesse. In den zwei Jahren, in denen er im Parlament saß, glänzte er vor allem durch Abwesenheit. 1900 unterstütze D’Annunzio öffentlich die Sozialisten, aber nicht wegen deren Programm, sondern weil er sie als leidenschaftliche Kämpfer anerkannte.

Zeichen der Zeit

Die Herausbildung einer nationalen Identität war mit Ideen von Tradition, Dauerhaftigkeit und Romanik verbunden, doch wirtschaftlich und gesellschaftlich hing das Italien des anbrechenden 20. Jahrhunderts den Entwicklungen vieler anderer europäischer Länder hinterher. Mehr als in anderen Ländern entwickelte sich hier eine Aufbruchstimmung und D’Annunzio und seine Romane waren Teil dieser Veränderung. War Italien landwirtschaftlich geprägt, so hielt jetzt die Moderne und mit ihr die Technik Einzug. 1909 erschien mit dem „Manifesto del Futurismo“ von Filippo Tommaso Marinetti der ideologisch-künstlerische Ausdruck dieser Entwicklung. Darin heißt es: „Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung der Frau.“ D’Annunzio pries die Nation, den Krieg und die Hingabe für das Land, doch ab 1910 lebte er in Frankreich, da er mit seinem extravaganten Lebenswandel immer höhere Schulden aufgetürmt hatte.

Nationalismus, Militarismus und Krieg

D’Annunzio befürwortete den Eintritt Italiens in den 1. Weltkrieg und hielt eine Reihe von Reden, in denen er den Kriegseintritt forderte. Dabei standen jedoch nicht die Forderungen nach Landgewinn oder Gerechtigkeit im Mittelpunkt. Für ihn hatte der Krieg eine ästhetische Dimension. Er war Ausdruck höchster Hingabe und Kraft, eine heilige Aufgabe und reine Männlichkeit. Nach Kriegseintritt meldete er sich freiwillig als Soldat. Allerdings wurde er als bekannter Dichter mit über 50 Jahren kein einfacher Soldat, sondern Offizier. Er wandelte sich vom versnobten Dandy zum „Comandante“, wie man ihn von nun an nannte, reiste an der Front umher und unternahm im Laufe des Krieges mehrere aufsehenerregende Aktionen. Zu seinen bekanntesten Aktionen gehört ein Angriff mit Schnellbooten auf den Hafen des kroatischen Bakar im Februar 1918 und ein Flug nach Wien im August 1918, um tausende von Flugblättern abzuwerfen. Vor allem widmete er sich dem Fliegen und wurde Pilot. Nachdem er abgeschossen wurde, verlor er ein Auge und flog trotzdem weiter.

Fiume und Protofaschismus

Die Alliierten und damit Italien gewannen den Krieg, doch D’Annunzio konnte mit diesem Frieden wenig anfangen. Der Krieg war für ihn ein Erlebnis, er äußerte „Verachtung für das gewöhnliche Leben“. So kam ihm der Konflikt um Fiume gerade recht. Die italienischen Nationalisten und Faschisten beanspruchten die Stadt für Italien und mobilisierten, D’Annunzio erklärte, ohne Fiume sei es ein „verstümmelter Sieg“. Die Regierung Italiens interessierte die unbedeutende Stadt nicht. D’Annunzio rief zu neuen Kämpfen auf und in der Stadt sammelten sich sowohl Arditi, Elitesoldaten der italienischen Armee, als auch Faschisten, denn Mussolini mobilisierte ebenfalls. Mit etwa 1.000 Mann brach D’Annunzio am 11. September 1919 auf, um Fiume zu besetzen. Die Aktion verlief unblutig, da die regulären Truppen nicht auf den Kriegshelden schießen wollten. Die Herrschaft, die D’Annunzio installierte, verfolgte zwar die Feinde, zeigte sich aber vor allem durch ständige Aufmärsche, Versammlungen und Reden. Den Zeit­zeug*innen blieb in Erinnerung, dass ständig getanzt wurde, dass Sexualität offen gezeigt und ausgelebt und viel Kokain konsumiert wurde. Dabei inszenierte D’Anunzio seine Herrschaft durch aufwendige Massenveranstaltungen, militärische Rituale, Fahnen und Sprechchöre. Viele dieser Elemente wurden später von der faschistischen Bewegung übernommen.

Zu den von ihm installierten Ritualen gehört der ausgestreckte Arm als Gruß, der später vom italienischen Faschismus übernommen und weiterverbreitet wurde. Schwarz war bereits die traditionelle Farbe der Arditi und viele von diesen trugen schon schwarze Hemden oder schwarze Uniformteile. Unter D’Annunzio wurden die schwarzen Hemden Teil einer bewusst inszenierten politischen Identität. Auch die Hymne von D’Annunzio, das Lied „Giovinezza“ (Jugend), bei dem es sich um ein umgedichtetes Studentenlied handelt, wurde in Fiume etabliert. Es wurde später die offizielle Hymne der Partito Nazionale Fascista von Benito Mussolini. Zu den in Fiume etablierten Ritualen gehörten auch die diversen Schlachtrufe, wie das „Eja! Eja! Eja! Alalà!“, das „A noi!“ oder das „Me ne frego“, welche ebenfalls später zu festen Bestandteilen der faschistischen Bewegung wurden. Auch der Führerkult, den D’Annunzio als „Comandante“ in Fiume um sich herum inszenierte, war in dieser Form eine politische Neuerung. Er allein war Führer des Volkes, dessen Stimme und dessen politischer Wille. „Und ich musste auf ihre Ängste antworten, ich musste ihre Hoffnungen entzünden, ich musste ihre Hingabe immer blinder machen, ihre Liebe zu mir immer glühender werden lassen – zu mir allein“, stelle er seine Rolle da.

D’Annunzio war kein Faschist im heutigen Sinne, entwickelte jedoch zentrale Elemente des Faschismus: So die Verachtung des Alltags, der Demokratie und des Parlamentarismus; den Heroismus, den Märtyrerkult, die Rituale und die Inszenierung, vor allem aber den Führerkult, der pseudoreligiöse Ausmaße annahm. In Italien ist der Rückbezug auf D’Annunzio fester Bestandteil der extremen Rechten, in Deutschland eher die Ausnahme. Dass die Generation Deutschland ihn präsentierte, ist eine deutliche Positionierung im Sinne eines Protofaschismus.

D’Annunzios Ende

Die Herrschaft D’Annunzios in Fiume endete unspektakulär, als im Dezember 1920 die reguläre italienische Armee die Stadt beschoss und D’Annunzio nahezu kampflos abzog. Die Stadt wurde durch den Vertrag von Rapallo zum unabhängigen Freistaat. Nach seiner Flucht versuchte sich D’Annunzio vergeblich als Gegenspieler von Mussolini zu etablieren. Er zog sich in eine Villa am Gardasee zurück, der kommende faschistische Staat ehrte und finanzierte ihn jedoch. D’Annunzio starb am 1. März 1938.

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