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„Fragmentierte Erinnerung“

Deutungskämpfe um den historischen Ort der Märzrevolution 1920
Denkmal für die Toten der Märzrevolution 1920 auf dem Bottroper Westfriedhof.

Nachdem es in LOTTA #77 um die aufständischen Kämpfe der organisierten Arbeiter*innenbewegung im Zusammenhang mit der Märzrevolution im rheinisch-westfälischen Industriegebiet ging, und in LOTTA #78 um die Reichswehr- und Freikorps-Einheiten, die gegen sie eingesetzt wurden, beschäftigt sich der dritte und letzte Teil dieser Artikelserie mit den Aspekten Erinnerung, Gedenken und Rezeption.

In Dortmund versammelten sich am 20. März 1920 mehrere tausend Menschen, um zwölf Arbeitern, die drei Tage zuvor bei Kämpfen mit Verbänden des Freikorps Lichtschlag ums Leben gekommen waren, das letzte Geleit zu geben. Am 17. März hatte die Rote Ruhrarmee die republikfeindliche Truppe aus der Stadt vertrieben. Nicht nur in Dortmund, auch in anderen Teilen des rheinisch-westfälischen Industriegebiets befanden sich die Einheiten der Sicherheitspolizei, der Reichswehr und der Freikorps auf dem Rückzug. Sie waren gegen streikende Arbeiter*innen vorgegangen, die sich überall in der Republik formiert hatten, um das rechtsautoritäre Regime von Wolfgang Kapp in die Knie zu zwingen, der sich am 13. März in Berlin an die Macht geputscht hatte. Der Putsch brach aufgrund der Gegenwehr der Arbeiter*innenbewegung innerhalb weniger Tage zusammen.

Die Märzrevolution als Erinnerungsort

Der Trauerzug durch die Dortmunder Innenstadt, die Totenfeier und die Beisetzung der Arbeiter stellten frühe erinnerungskulturelle Zeichen der Geschehnisse der Märzrevolution 1920 dar, die zu diesem Zeitpunkt erst begonnen hatte. Angesichts der militärischen Erfolge der Roten Ruhrarmee firmierten die Opfer darin als Kronzeugen einer greifbar nahen, besseren Zukunft. „In diesem Augenblick“, betonte der KPD-Aktivist Adolf Meinberg bei der Dortmunder Totenfeier, kämpfe die „Arbeiterklasse […] für die Befreiung der gesamten Menschheit aus dem Joch des Kapitalismus“. Die Zuversicht und der utopische Gestus, die die Gedenkveranstaltung prägten, währten jedoch nicht lange. Anfang April brachten Reichswehr, Freikorps und Sicherheitspolizei das Industriegebiet unter ihre Kontrolle. Die Märzrevolution wurde niedergeschlagen. Weit mehr als tausend vermeintliche oder tatsächliche Aufständische kamen ums Leben. Das Vorgehen der Regierungstruppen war durch exzessive Gewalt gekennzeichnet.

In der sich während der 1920er Jahren in der Arbeiter*innenbewegung herausbildenden Erinnerungskultur an die Märzrevolution verknüpften sich geschichtsteleologische Deutungsmuster, die eine bessere Zukunft beschworen, mit der schmerzenden Erinnerung an den „Weißen Terror“. Dessen Protagonisten aus den Reihen der Freikorps und der Reichswehr, bis weit hinein ins bürgerliche Milieu, schufen wiederum bis in die Gegenwart wirkmächtige Mythen, die die Niederschlagung des Aufstandes als Rettung vor dem vermeintlich drohenden „Bolschewismus“ verklärten. Im Hinblick auf die Märzrevolution kann demnach mit dem Historiker Klaus Tenfelde von einer mehrfach „fragmentierten Erinnerung“ gesprochen werden.

Narrative der Arbeiter*­innenbewegung

Diese Fragmentierungen kennzeichneten im Verlauf der 1920er Jahre auch die geschichtspolitischen Deutungsmuster der sich zunehmend feindselig gegenüberstehenden sozialdemokratischen, kommunistischen und anarcho-syndikalistischen Strömungen der Arbeiter*innenbewegung. Zunächst jedoch fanden gemeinsame Gedenkveranstaltungen statt. Die Konflikte zwischen der im Reich und in Preußen regierenden SPD und den links von ihr stehenden Strömungen der Arbeiter*innenbewegung schienen auf lokaler Ebene eine untergeordnete Rolle zu spielen. Die weit zurückreichenden Erfahrungen aus Arbeitskämpfen einten die Anhänger*innen der Arbeiter*innenbewegung ebenso wie ein Repertoire an kulturellen Ausdrucksformen, Praktiken und historischen Referenzpunkten. Das Gedenken an die Toten der Märzrevolution konnte mit bereits länger bestehenden sinn- und gemeinschaftsstiftenden Ritualen und Veranstaltungsformaten verknüpft werden. Dies galt besonders für die „Märzfeiern“, mit denen die Arbeiter*innenbewegung seit dem 19. Jahrhundert den Opfern der Revolution von 1848 wie auch den Gefallenen der Pariser Kommune gedachte, die im März 1871 vom französischen Militär niedergeschlagen worden war. Es schien naheliegend, die Toten der Märzrevolution von 1920 in diese Traditionslinie zu rücken.

Materielle Erinnerungszeichen entstanden seit 1921 in Form von Gedenksteinen und -tafeln, Grabwänden und Skulpturen auf Initiative der Arbeiter*innenparteien, meist auf kommunalen Friedhöfen oder an Orten, an denen Erschießungen stattgefunden hatten. Deren architektonischer und ikonografischer Gestaltung fehlte, so urteilt der Historiker Günter Gleising in der Regel „jede Aggressivität“. Sie wiesen häufig eine fortschrittliche Symbolik auf, die seit der Französischen Revolution von demokratischen und sozialistischen Bewegungen genutzt worden war. So fungierten beispielsweise die Darstellung von „Fackel“ und „Sonne“ als häufig verwendete Gestaltungselemente, die Aufklärung im Zeichen des Fortschritts und eine bessere Zukunft symbolisieren sollten. In Remscheid etwa wurde 1923 im Stadtpark ein „Fackelträger“ aufgestellt, der seine Flamme in Richtung des Himmels richtet. Der Sockel enthielt die Inschrift: „Per sapera ad astra“ („Durch die Dunkelheit zum Licht“). Zur Einweihung dieses Denkmals sowie anderer Erinnerungsorte kamen jeweils Tausende. Auch in den folgenden Jahren firmierten sie als Kristallisationspunkte des Gedenkens an die Opfer der Märzrevolution, das häufig von Rezitator*innen, Arbeiterchören und — Kapellen dramaturgisch gestaltet wurde.

Gleichwohl entwickelten sich seit Mitte der 1920er Jahre die Deutungsmuster und erinnerungskulturellen Praktiken entlang der sich verschärfenden Konfliktlinien zwischen SPD und KPD auseinander. Während sozialdemokratische Narrative die Republik in den Mittelpunkt ihrer Geschichtsteleologie rückten und Friedrich Ebert zu ihrer zentralen historischen Identifikationsfigur stilisierten, insistierte die kommunistische Erzählung auf die uneingelösten Perspektiven der Märzrevolution. Diese Sichtweisen kamen in konträren Denkmalsetzungen zum Ausdruck. In Dortmund-Hörde weihte die SPD im Mai 1928 ein Denkmal für Friedrich Ebert ein, der sich als Reichspräsident nicht gescheut hatte, dem Aufstand im rheinisch-westfälischen Industriegebiet mit Hilfe der Freikorps ein Ende zu setzen. Auf dem Nordfriedhof in Dortmund-Eving wiederum errichtete die KPD einen mit Hammer und Sichel sowie der Aufschrift „Wir werden Euer Werk vollenden“ versehenen Gedenkstein für die Toten der Roten Ruhrarmee, womit sich die Partei gleichsam zu deren Sachwalterin erhob. Zudem setzten vor allem kommunistische Autoren der Märzrevolution und ihren Protagonist*innen literarische Denkmäler.

Die „Wasserturmlegende“ und andere Mythen

Die erinnerungskulturellen Deutungsmuster der Arbeiter*innenbewegung waren aber keineswegs hegemonial. Im bürgerlichen Milieu, besonders im einflussreichen extrem rechten Spektrum, kursierten teilweise bis heute nachwirkende Narrative, die die Einsätze der Reichswehr und der Freikorps als Rettung vor dem vermeintlichen „Roten Terror“ verklärten und nicht selten von Demokratiefeindschaft, antisozialistischen Aversionen, aber auch von antisemitischen Ressentiments geprägt waren. Diese Mythen manifestierten sich an spezifischen Erinnerungsorten, die zu Kristallisationspunkten nationalistisch-revanchistischer Forderungen avancierten. Als solche fungierten vor allem die nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Kriegerdenkmäler, die den „Opfertod“ der „soldatischen Helden“ verherrlichten. Es entstanden aber auch Erinnerungszeichen, die sich explizit auf die Kämpfe während der Märzrevolution bezogen.

Als wirkmächtig sollte sich die Legende um die Geschehnisse am Wasserturm in Essen-Steele erweisen. Am 18./19. März 1920 war es dort zu Kämpfen zwischen der Roten Ruhrarmee und der Sicherheitspolizei sowie Angehörigen der Einwohnerwehr gekommen, die sich im Wasserturm verschanzt hatten. Während ein Teil der rund 40-köpfigen Turmbesatzung zur Kapitulation bereit war und die weiße Fahne hisste, eröffneten andere das Feuer auf sich nähernde Rotarmisten. Beim anschließenden Sturm wütender Arbeiter*innen auf den Wasserturm kamen elf Polizisten und Mitglieder der Einwohnerwehr ums Leben. Die Zahl der gefallenen Rotarmisten ist unbekannt. Schon bald kursierten Erzählungen, denen zufolge die gesamte Turmbesatzung von den „Roten“ massakriert worden sei. Eine Darstellung, die offiziellen Charakter erhielt, als im Januar 1922 Oberbürgermeister Hans Luther und Polizeipräsident Kurt Melcher am Wasserturm eine Bronzetafel einweihten, auf der 40 Namen von Angehörigen der Sicherheitspolizei und der Einwohnerwehr standen, die „in den Märztagen 1920“ in „Erfüllung ihrer Pflicht“ ums Leben gekommen seien. Die Tafel enthielt die Namen der während der Kämpfe im gesamten Essener Stadtgebiet gefallenen Kämpfer der paramilitärischen Verbände. Ihr Standort aber suggerierte, die Männer seien alle am Wasserturm getötet worden.

Das spektakulärste, die Niederschlagung der Märzrevolution verklärende Erinnerungszeichen entstand in Essen-Horst. Dort wurde im November 1934 ein Ehrenmal „für die in den Ruhrkämpfen 1918—1920 gefallenen Angehörigen von Reichswehr, Freikorps-, Polizei- und Einwohnerwehren“ eingeweiht. An der Veranstaltung nahmen Hunderte (ehemalige) Mitglieder der paramilitärischen Verbände, der SA und des Reichsarbeitsdienstes teil, der das „Ruhrkämpferehrenmal“ nach einem Entwurf des Architekten Paul Dietzsch in Form eines germanisch anmutenden Steinkreises errichtet hatte. Dass sich hier die Protagonisten des „Weißen Terrors“ selbst ein Denkmal setzten, war unverkennbar. Dietzsch war im März 1920 Führer der Essener Einwohnerwehr gewesen. Als Ehrengast war Oskar von Watter erschienen, der als kommandierender General die Niederschlagung der Märzrevolution koordiniert hatte. Mit Franz Ritter von Epp nahm einer der berüchtigtsten ehemaligen Freikorpsführer an der Veranstaltung teil. In den folgenden Jahren avancierte das „Ehrenmal“ zum Schauplatz zahlreicher propagandistischer Kundgebungen, während gleichzeitig die von der Arbeiter*innenbewegung gesetzten Erinnerungszeichen systematisch entfernt oder zerstört wurden.

Deutungen der Märzrevolution in der frühen BRD

Die öffentliche Erinnerung an die „Opfer der Revolution von 1920“ aus linker und demokratischer Perspektive setzte erst nach dem Ende des NS-Regimes wieder ein. Gewerkschaften, SPD und KPD führten an neu geschaffenen oder ergänzten Denkmälern Gedenkveranstaltungen durch, die bisweilen gleichermaßen den Opfern des NS-Regimes wie auch den Gefallenen der Märzrevolution gewidmet waren. Indes: Im Zuge des Kalten Krieges gingen SPD und KPD seit dem Ende der 1940er Jahre getrennte Wege. Die öffentliche Erinnerung an die Märzrevolution verschwand in der Folgezeit zwar nie gänzlich, verlor aber an Bedeutung — bedingt auch durch das Verbot der KPD im Jahr 1956. Die im bürgerlichen und extrem rechten Spektrum verbreiteten apologetischen Narrative blieben hingegen im antikommunistischen gesellschaftlichen Klima der frühen BRD unhinterfragt. Die Rheinische Post (RP) kolportierte etwa anlässlich des 35. Jahrestages der Märzrevolution im Jahr 1955, die Rote Armee, vorwiegend bestehend aus „verkrachten Existenzen“, habe das Kreisgebiet von Dinslaken regelrecht „überschwemmt“, „unmenschliche Grausamkeiten“ begangen und den Einwohner*innen, „das letzte Stück Brot weggenommen“. Im Mai 1960 wusste die RP zu berichten, dass vor 40 Jahren die „Rote Armee“ „unbeschreibliche Scheusslichkeiten“ verübt und Menschen „regelrecht abgeschlachtet“ habe, bis es der Reichswehr gelungen sei, den „Roten Spuk“ zu beenden.

In der Gemeinde Kirchhellen — heute ein Stadtbezirk Bottrops — wurde durch einstimmigen Beschluss des Gemeinderats im Jahr 1960 eine Straße, die 1938 nach dem Freikorpsführer Wilfried von Loewenfeld benannt und nach 1945 umgewidmet worden war, wieder in Loewenfeldstraße umbenannt. Ein Gedenkstein für die Gefallenen der Marinebrigade Loewenfeld befindet sich bis heute auf dem Friedhof von Kirchhellen. Antisozialistisch ausgerichtete paramilitärische Verbände der frühen Weimarer Republik genossen also offenkundig auch in der BRD weiterhin hohes Ansehen.

Wiederentdeckung der Märzrevolution

Derartige Mythen wurden erst seit dem Beginn der 1970er Jahre öffentlich wahrnehmbarer hinterfragt. Als Protagonist*innen dieser Entwicklung firmierten die entstehenden Geschichtsinitiativen „von unten“. Unter dem Motto „Grabe, wo du stehst“ beschäftigten sich diese nicht zuletzt mit den verschütteten Spuren der Märzrevolution und ihrer Akteur*innen. Bedeutsam war hier zweifellos die dreibändige, 1973 erschienene Studie „Märzrevolution 1920“ des Historikers Erhard Lucas, die er erklärtermaßen „vom Standpunkt der Arbeiter“ aus verfasst hatte. Seine Darstellung der Geschehnisse im März 1920 bildete die Grundlage für weitere lokalgeschichtliche Initiativen, die dazu beitrugen, auf bestehende, aber in Vergessenheit geratene Erinnerungszeichen der Arbeiter*innenbewegung hinzuweisen und apologetische Mythen in Frage zu stellen.

So gelang es dem Essener VVN-Aktivisten Ernst Schmidt nach akribischen Recherchen, die „Wasserturmlegende“ zu dekonstruieren. Ende der 1980er Jahre wurde die irreführende Gedenktafel vom Steeler Wasserturm in einen angrenzenden Park versetzt; ergänzt um eine Informationstafel, die das historische Geschehen umfassend darstellte und die „Wasserturmlegende“ kritisch beleuchtete. Zähe Auseinandersetzungen gab es Mitte der 1980er Jahre auch um den Umgang mit dem „Ruhrkämpferehrenmal“, nachdem die DKP den Abriss der Anlage gefordert hatte. Dieser Vorschlag wurde in der Bezirksvertretung Essen-Steele zurückgewiesen. Vielmehr sollte durch Informationstafeln ein „geschichtstreueres Bild“ gezeichnet werden. Um die entsprechenden Darstellungen, nicht zuletzt der „Roten Ruhrarmee“, entbrannten heftige geschichtspolitische Debatten. Erst 1989 wurden die Informationstafeln angebracht, die auf den antidemokratischen Charakter der Freikorps verwiesen. Bereits 1987 war das „Ehrenmal“ in ein „Mahnmal“ umgewidmet worden.

Erneute Verdrängung

Seit den 1990er Jahren hat die Erinnerung an die Märzrevolution augenscheinlich wieder an Bedeutung verloren. Dennoch gibt es noch eine ganze Reihe linker und antifaschistischer Initiativen, die nicht nur zum 100. Jahrestag der Geschehnisse durch Veranstaltungen, Veröffentlichungen oder historische Erkundungstouren an jene Episode in der Geschichte erinnern, in der für einen kurzen Augenblick im rheinisch-westfälischen Industriegebiet eine grundlegende politische und soziale Umgestaltung möglich erschien. Insgesamt scheint aber das Wissen um die Märzrevolution und die daran geknüpften Utopien und Hoffnungen nur noch wenig verbreitet. Gleichzeitig wirken auch die hier skizzierten bürgerlichen und rechten Mythen nach. Im Juni 2020 lehnte die Bezirksvertretung Bottrop-Kirchhellen erneut einen Antrag ab, die Loewenfeldstraße umzubenennen. Der Lokalhistoriker Şahin Aydın hatte in einem Bürgerantrag gefordert, die Straße der Arbeiterin Maria Lippert zu widmen, die im März 1920 von Angehörigen der Marinebrigade Loewenfeld im Bottroper Polizeigefängnis vergewaltigt worden war. In der Bezirksvertretung wurde darauf verwiesen, dass eine Straßenumbenennung erfolgen könne, „wenn der ursprüngliche Straßenname als Störung der öffentlichen Ordnung empfunden werden könne.“ Dies sei aber nicht der Fall, da die Benennung der Straße von den Anwohner*innen nicht als „anstößig“ empfunden werde.

Auch sonst scheint es in Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit derzeit kaum wahrnehmbares Interesse an den Erinnerungszeichen der Märzrevolution zu geben. Begibt man sich auf Spurensuche, stößt man — wenn überhaupt — auf verwitterte, zerstörte oder kaum mehr leserliche Informationstafeln. In dieser Hinsicht ist also im wörtlichen Sinne von „fragmentierter Erinnerung“ zu sprechen.

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